Gemeinsame Presseerklärung von NABU Kappeln-Nordschwansen e.V. und Seeadlerschutz Schlei e.V.

  1. Juni 2020

 

  • Von Denker & Wulf-Windkraftanlage erschlagener Seeadler wurde auch beschossen
  • NABU und Seeadlerverein setzen insgesamt 500 € Belohnung aus
  • Telemetrie-Projekt umgehend umsetzen
  • Windkraftausbau im Seeadlergebiet stoppen
  • Gefälligkeitsgutachten zukĂĽnftig vermeiden

 

Brodersby/Rieseby, 7. Juni 2020

Das Ergebnis der Untersuchung des am 9.3.2020 unterhalb der Denker & Wulf-Windkraftanlage R-300504 des Windparks Holtsee-Altenhof aufgefundenen Seeadlers ist bekannt geworden und deutlich:

Das Seeadlerweibchen wurde durch ein Rotorblatt der Windkraftanlage erschlagen. Das Ergebnis bestätigt das Bild, was sich beim Auffinden des Adlers im Windpark zeigte. Dr. Jan Kieckbusch vom LLUR vermutet, dass der Seeadler „nicht von der sehr schnellen Flügelspitze, sondern von einem turbinennäheren, sich langsamer drehenden Teil des Rotors getroffen worden ist“.

Das Labor schloss aus, dass der Adler durch ein so genanntes Barotrauma, also durch eine kontaktlose Verletzung durch starke und schlagartige Luftdruckveränderung im Nahbereich des Rotors, zu Schaden kam.

Wer schoss auf den Seeadler? – 500 € Belohnung

Neu ist die Erkenntnis aus der Untersuchung im Landeslabor in Neumünster, dass der adulte Seeadler eine alte Schussverletzung aufweist. Metallsplitter weisen darauf hin. Während sich NABU und Seeadlerschutz bislang mit menschenverursachten Vergiftungen und Vergrämungen von Greifvögeln beschäftigen mussten, kommt nun offensichtlich ein längst zu den Akten gelegtes Problem hinzu. „Ich habe nicht gedacht, dass es heute noch Menschen gibt, die auf Seeadler schießen!“, zeigt sich Karl-Christoph Jensen, 1. Vorsitzender des NABU Kappeln-Nordschwansen e.V., entsetzt über das Untersuchungsergebnis. Das Ministerium MELUND hat Anzeige gegen unbekannt erstattet. Die Vorstände beider Naturschutzgruppen haben entschieden, jeweils 250 € (gesamt 500 €) Belohnung für sachdienliche Hinweise auszusetzen, die zur Ergreifung des Schützen führen.

Weitere verendete Greifvögel

Die Sorge um Mäusebussarde, Rotmilane, Seeadler und weitere Arten ist groß. Erst im März wurden im Bereich Rieseby/Loose mehrere verendete Greifvögel gefunden. Am 20. April kam ein verendeter Rotmilan in einem Fischteich in Karlsminde hinzu. Der Verwesungszustand war zu weit fortgeschritten, so dass eine toxikologische Untersuchung im Landeslabor kein eindeutiges Ergebnis bringen konnte, so dass eine Vergiftung des Vogels nicht ausgeschlossen werden kann.

Keine Erweiterung des Windparks Holtsee-Altenhof

Beobachtungen im Seeadlerrevier Aschau haben gezeigt, dass sich nach dem Auffinden des verendeten Seeadlers im Windpark Holtsee-Altenhof nur noch ein Adler im Brutrevier zeigt. In der vergangenen Brutsaison wurden hier noch Drillinge im Horst beringt. Allerdings hat der Terzel nun schnell ein neues Weibchen gefunden – beide halten sich vermehrt im Bereich des Goossees auf, wie uns die Kollegen vom NABU Eckernförde berichteten.

Eine Erweiterung des bestehenden Windparks um die Goosseeniederung ist mit dem Artenschutz nicht vereinbar. Es liegt zum einen in der Verantwortung von Denker und Wulf, Vorkehrungen zu treffen, damit es an ihren Bestandsanlagen keine weiteren Schlagopfer unter den geschützten Greifvögeln gibt und zum anderen am Landesamt (LLUR), keine weiteren Anlagen zu genehmigen. Jedoch ist Frank Dreves vom Seeadlerschutz Schlei e.V. überzeugt: “Der Artenschutzgedanke von Windkraftprojektierern geht in der Regel nur soweit, wie sie über Auflagen dazu gezwungen werden.“ Er erinnert dabei an die Verstöße gegen die Artenschutzauflagen bei der Errichtung des Windparks Loose – die Verfahren dagegen laufen immer noch.

Telemetrieprojekt

Wir fordern die umgehende Umsetzung eines Telemetrieprojektes zur kommenden Brutsaison. Hierbei sollen die Nestlinge in den Seeadlerhorsten auf Schwansen, im Dänischen Wohld und in den Hüttener Bergen beringt und besendert werden. Die von den Sendern ausgehenden Signale geben Erkenntnisse über die Flugbewegungen der Adler. Und sie geben ebenfalls Erkenntnisse darüber, wo sich ein Seeadler befindet, wenn er sich nicht mehr bewegt. Das Projekt soll über drei Jahre laufen. Die Finanzierung der Sender sowie der zu schaffenden Planstelle soll über die Ausgleichsgelder erfolgen, welche Windkraftbetreiber aufgrund von Landschaftszerstörung an den Kreis zahlen müssen. Die Töpfe aus diesen Ausgleichszahlungen laufen in den Kreisen über. Bis zum Abschluss des Projektes sollen die Windkraftgenehmigungen ruhen. Im Ergebnis wird sich zeigen, wo Konflikte mit dem Artenschutz (hier Seeadler) bestehen.

In unseren Nachbarländern Dänemark und Österreich werden ähnliche Projekte längst erfolgreich durchgeführt. Es stellt sich die Frage, was aus Sicht des Ministeriums (MELUND) gegen ein solches Projekt spräche. Bei uns hat sich für unsere alte Forderung bereits ein Baumkletterer gemeldet, welcher die Arbeiten am Baum unter fachlicher Anleitung ehrenamtlich durchführen würde.

Gefälligkeitsgutachten

Wir fordern für zukünftige Windparkprojekte in Schleswig-Holstein, dass Gutachterbüros für faunistische Gutachten nicht weiter von den Windkraftfirmen bestimmt und bezahlt werden, sondern über das Landesamt bzw. die Unteren Naturschutzbehörden beauftragt werden. Die Gefahr der Erstellung von Gefälligkeitsgutachten in diesem Bereich ist einfach zu groß. Der NABU Schleswig-Holstein hat diesen Fehler im System seit 2016 bemängelt.

Der NABU Kappeln-Nordschwansen e.V. hat sich bereits 2016 mit einem einstimmigen Beschluss auf seiner Jahreshauptversammlung gegen die Errichtung von Windkraftanlagen auf der Halbinsel Schwansen ausgesprochen. „Die Errichtung jeder weiteren Windkraftanlage auf Schwansen wäre eine signifikante Tötungsgefahr für Seeadler und weitere Greifvögel“, so Karl-Christoph Jensen von der NABU-Ortsgruppe.

Der Seeadler, welcher im März unter der Windkraftanlage in Holtsee gefunden wurde, ist lediglich als Zufallsfund zu bewerten. Die Dunkelziffer verendeter Vögel und Fledermäuse an Windkraftanlagen ist entsprechend hoch. Der Windpark Loose beispielsweise ist für die Öffentlichkeit abgeriegelt. Wie viele Adler und weitere Tiere in diesem Windpark bereits verendeten, ist ungewiss.

 

Karl-Christoph Jensen

1.Vorsitzender

NABU Kappeln-Nordschwansen e.V.

Tel. 04644 – 1003

 

Frank Dreves

1.Vorsitzender

Seeadlerschutz Schlei e.V.

Tel. 04355 – 999 890 oder 0160 – 48 48 926

 

Fotos anbei:

  1. Verendeter Seeadler am 9.3.2020 unter der Windkraftanlage in Holtsee
  2. Frank Dreves (links), 1. Vorsitzender vom Seeadlerschutz Schlei e.V. und Frank Metasch, NABU-Gebietsleiter der Goosseewiesen mit dem verendeten Seeadler in Holtsee.
  3. Seeadler in der Nähe der Windkraftanlagen im Windpark Holtsee-Altenhof am 9.3.2020

Fotos: Seeadlerschutz Schlei e.V.