Bruchwasserläufer (Tringa glareola)
Der Bruchwasserläufer ist ein schlanker, mittelgroßer Watvogel, der in Norddeutschland vor allem während des Vogelzuges beobachtet werden kann. Besonders im Frühjahr und Spätsommer hält er sich an flachen Gewässern, auf überschwemmten Wiesen und an schlammigen Ufern auf.
Seinen deutschen Namen verdankt er seiner Vorliebe für nasse, sumpfige Landschaften. Als Brutvogel ist der Bruchwasserläufer in Deutschland inzwischen außerordentlich selten. Die meisten bei uns beobachteten Vögel stammen aus den großen Brutgebieten Nord- und Nordosteuropas.
Vorkommen in Norddeutschland
Während des Frühjahrszuges erreichen Bruchwasserläufer Norddeutschland auf ihrem Weg in die Brutgebiete Skandinaviens, Finnlands, des Baltikums und Nordrusslands. Der Rückzug beginnt bereits im Sommer. Deshalb können die ersten Vögel auf dem Weg nach Süden schon ab Juli wieder häufiger beobachtet werden.
Geeignete Rastplätze finden sie an flachen Teichen, Überschwemmungsflächen, Moorgewässern, Klärteichen, Feuchtwiesen, abgelassenen Fischteichen und schlammigen Uferzonen. Im Gegensatz zu einigen anderen Watvögeln ist der Bruchwasserläufer nicht ausschließlich an die Meeresküste gebunden. Er tritt regelmäßig auch weit im Binnenland auf.
In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ist er während der Zugzeiten ein regelmäßiger Gast. Besonders nahrungsreiche Flachwassergebiete können zeitweise größere Gruppen anziehen.
Als Brutvogel ist die Situation vollkommen anders. In Schleswig-Holstein gilt der Bruchwasserläufer als ausgestorben; die letzten regelmäßigen Bruten liegen mehrere Jahrzehnte zurück. In Niedersachsen existieren nur noch einzelne Brutvorkommen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gehört eine Brut heute zu den großen Ausnahmen.
Geschätzter Bestand
Der deutsche Brutbestand ist äußerst klein. Für ganz Deutschland wird gegenwärtig nur noch eine Größenordnung von wenigen bis höchstens einigen Dutzend Brutpaaren angenommen.
In Niedersachsen wurden zuletzt lediglich etwa ein bis zwei Brutpaare angegeben. Schleswig-Holstein besitzt derzeit keinen regelmäßigen Brutbestand mehr.
Damit gehört der Bruchwasserläufer zu den seltensten Brutvögeln Deutschlands.
Während des Vogelzuges ist die Situation völlig anders. Dann ziehen jedes Jahr viele Tausend Bruchwasserläufer durch Deutschland. Für den Frühjahrszug wird deutschlandweit eine Größenordnung von ungefähr 8.000 bis 20.000 gleichzeitig beziehungsweise innerhalb der Erfassungsperiode auftretenden Rastvögeln angegeben.
Ein erheblicher Teil dieser Vögel nutzt Feuchtgebiete Norddeutschlands als Rast- und Nahrungsplätze. Eine einzige verlässliche Gesamtzahl nur für Norddeutschland lässt sich jedoch nicht nennen, da die Tiere ständig weiterziehen und ihre Verteilung stark vom Wasserstand geeigneter Rastgebiete abhängt.
Brutgebiete
Die eigentlichen Hauptbrutgebiete des Bruchwasserläufers liegen nördlich von Deutschland.
Typische Brutlandschaften sind Moore, sumpfige Waldlichtungen, feuchte Heideflächen, nasse Wiesen und offene Bereiche innerhalb der nordischen Nadelwaldzone.
Der Bruchwasserläufer bevorzugt dabei Landschaften mit einem Mosaik aus flachem Wasser, Schlammflächen, niedriger Vegetation und etwas höherem Bewuchs.
In Mitteleuropa sind solche ursprünglichen Lebensräume vielerorts verschwunden oder stark verändert worden. Dies ist einer der Gründe dafür, dass die Art als Brutvogel bei uns heute nur noch sehr selten vorkommt.
Brutverhalten
Zu Beginn der Brutzeit fallen besonders die Männchen durch ihre Balzflüge auf. Dabei steigen sie über dem Brutgebiet auf und lassen ihre charakteristischen Rufe hören.
Das Nest befindet sich am Boden und ist meist gut zwischen Gräsern, Seggen oder niedrigen Pflanzen verborgen. Es besteht aus einer kleinen Mulde, die mit trockenem Pflanzenmaterial ausgelegt wird.
Ein vollständiges Gelege enthält normalerweise vier Eier. Die Eier besitzen eine gelbliche, olivfarbene oder bräunliche Grundfarbe und sind mit dunkleren Flecken versehen. Dadurch sind sie am Boden hervorragend getarnt.
Beide Eltern beteiligen sich an der Brut. Nach ungefähr drei Wochen schlüpfen die Jungen.
Aufzucht der Jungen
Die jungen Bruchwasserläufer sind Nestflüchter. Bereits kurz nach dem Schlupf verlassen sie das Nest und können selbstständig laufen.
Ihre Nahrung suchen sie von Anfang an weitgehend selbst. Die Eltern führen die Jungvögel jedoch zu geeigneten Nahrungsflächen, warnen sie vor Gefahren und verteidigen sie gegenüber möglichen Feinden.
Nach etwa vier Wochen sind die Jungvögel weitgehend selbstständig und flugfähig.
Aussehen
Der Bruchwasserläufer erreicht ungefähr 19 bis 23 Zentimeter Körperlänge. Er wirkt zierlicher als beispielsweise der Rotschenkel und besitzt relativ lange Beine.
Der Schnabel ist gerade, schlank und mittellang. Er ist überwiegend dunkel gefärbt und kann an der Basis etwas heller erscheinen.
Ein besonders gutes Erkennungsmerkmal ist der deutliche helle Überaugenstreif, der sich vom Schnabel über das Auge hinweg nach hinten zieht.
Die Beine sind gelblich, gelbgrün bis olivgrün gefärbt.
Die Oberseite besitzt eine braune Grundfarbe mit zahlreichen hellen Flecken. Dadurch entsteht das typische fein gesprenkelte Erscheinungsbild.
Pracht- oder Brutkleid
Im Prachtkleid ist die Oberseite kräftig dunkelbraun gefärbt und mit zahlreichen hellen, cremefarbenen bis weißlichen Flecken übersät.
Diese Flecken sind besonders auf Rücken, Schultern und Flügeldecken auffällig.
Kopf und Hals zeigen eine feine braune Strichelung. Der helle Überaugenstreif hebt sich deutlich von der dunkleren Kopfzeichnung ab.
Brust und Vorderhals sind ebenfalls fein dunkel gestrichelt. In Richtung Bauch wird das Gefieder zunehmend heller. Die Bauchmitte und die hintere Unterseite sind weitgehend weiß.
Die gelblich-grünen Beine bilden einen deutlichen Kontrast zum übrigen Gefieder.
Männchen und Weibchen sehen sich sehr ähnlich und können im Gelände normalerweise nicht anhand ihrer Färbung unterschieden werden.
Schlichtkleid
Nach der Brutzeit verändert sich das Gefieder nur mäßig.
Im Schlicht- oder Winterkleid wirkt die Oberseite insgesamt graubrauner und weniger kontrastreich. Die hellen Flecken bleiben vorhanden, erscheinen jedoch weniger kräftig als im frischen Brutkleid.
Auch Kopf und Brust wirken etwas gleichmäßiger und weniger stark gezeichnet.
Der helle Überaugenstreif, die weißen Unterseiten und die gelblich-grünen Beine bleiben wichtige Erkennungsmerkmale.
Ein vollständig anderes Winterkleid wie beim Alpenstrandläufer entwickelt der Bruchwasserläufer nicht.
Jugendkleid
Junge Bruchwasserläufer besitzen ein besonders gleichmäßig und fein gemustertes Gefieder.
Die Federn der Oberseite sind dunkelbraun und haben deutlich ausgeprägte helle Säume und kleine cremefarbene Flecken. Dadurch wirkt Rücken und Flügeldecken beinahe regelmäßig geschuppt.
Der Kopf trägt bereits den auffälligen hellen Überaugenstreif.
Brust und Hals sind fein gestrichelt, während der Bauch weiß bleibt.
Jungvögel können im Spätsommer und Herbst häufig beobachtet werden, da sie etwas später als viele erwachsene Tiere aus den nördlichen Brutgebieten nach Süden ziehen.
Nahrung
Der Bruchwasserläufer ernährt sich hauptsächlich von kleinen wirbellosen Tieren.
Dazu gehören Insekten und deren Larven, kleine Krebstiere, Würmer, Schnecken, Spinnen und andere Kleintiere.
Bei der Nahrungssuche läuft er häufig lebhaft durch sehr flaches Wasser oder über schlammige Flächen. Dabei pickt er Beutetiere von der Oberfläche oder stochert mit seinem Schnabel kurz in den weichen Untergrund.
Gelegentlich verfolgt er kleine Beutetiere auch schnell laufend durch das flache Wasser.
Verhalten
Bruchwasserläufer treten während des Vogelzuges sowohl einzeln als auch in kleinen und größeren Gruppen auf.
Sie wirken bei der Nahrungssuche häufig sehr aktiv und bewegen sich schneller als manche anderen Wasserläufer.
Im Flug fallen die langen Beine auf, die über das Schwanzende hinausragen. Der Bürzel ist weiß und geht in einen hellen Keil auf dem Rücken über. Die Flügel besitzen dagegen keinen auffälligen weißen Flügelstreifen.
Auch die Stimme kann bei der Bestimmung helfen. Besonders beim Auffliegen lässt der Bruchwasserläufer einen hellen, schnell wiederholten Ruf hören.
Bedeutung Norddeutschlands
Für den Bruchwasserläufer besitzt Norddeutschland heute vor allem als Rastgebiet auf dem Vogelzug große Bedeutung.
Die hier rastenden Vögel müssen innerhalb kurzer Zeit ausreichende Energiereserven für ihre weitere Reise aufbauen. Flache, störungsarme und nahrungsreiche Feuchtgebiete sind deshalb besonders wertvoll.
Als Brutvogel steht die Art dagegen unmittelbar am Rand des Verschwindens aus Deutschland. Die wenigen verbliebenen oder gelegentlich neu entstehenden Brutplätze sind daher von besonderer Bedeutung.
Der Schutz und die Wiederherstellung von Mooren, Feuchtwiesen, Überschwemmungsflächen und anderen flachen Feuchtgebieten hilft dem Bruchwasserläufer sowohl während des Vogelzuges als auch bei möglichen Brutansiedlungen.
