Großer Brachvogel (Numenius arquata)
Der Große Brachvogel ist der größte heimische Watvogel und gehört mit seinem außergewöhnlich langen, nach unten gebogenen Schnabel zu den unverwechselbaren Vogelarten Norddeutschlands. Besonders an der Nordseeküste und im Wattenmeer ist sein weit tragender, flötender Ruf ein charakteristischer Bestandteil der Küstenlandschaft.
In Norddeutschland kommt der Große Brachvogel sowohl als Brutvogel als auch als sehr häufiger Rast- und Wintergast vor. Während der Brutbestand seit Jahrzehnten zurückgeht, können sich im Wattenmeer außerhalb der Brutzeit noch Zehntausende Tiere versammeln.
Vorkommen in Norddeutschland
Die wichtigsten Brutgebiete des Großen Brachvogels liegen in Norddeutschland vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
Geeignete Lebensräume sind großräumige, offene Landschaften mit niedriger Vegetation. Dazu gehören Feuchtwiesen, extensiv genutztes Grünland, Moore, Heideflächen und offene Niederungen.
In Schleswig-Holstein befindet sich ein bedeutender Verbreitungsschwerpunkt in der Eider-Treene-Sorge-Niederung. Daneben existieren kleinere Vorkommen in anderen Grünland- und Moorgebieten.
Niedersachsen beherbergt den mit Abstand größten deutschen Landesbestand. Besonders Westniedersachsen mit seinen Mooren, feuchten Grünlandgebieten und Niederungen ist für die Art von großer Bedeutung.
In Mecklenburg-Vorpommern ist der Große Brachvogel inzwischen wesentlich seltener. Kleine Restbestände existieren unter anderem im südwestlichen Mecklenburg sowie in einigen Niederungen Vorpommerns.
Außerhalb der Brutzeit verschiebt sich das Bild deutlich. Dann gehört besonders das Wattenmeer zu den wichtigsten Aufenthaltsgebieten der Art. Große Brachvögel suchen dort auf Wattflächen nach Nahrung und versammeln sich bei Hochwasser auf Salzwiesen, Inseln, Stränden und anderen störungsarmen Rastplätzen.
Geschätzter Brutbestand
Norddeutschland trägt eine besonders große Verantwortung für den deutschen Brutbestand.
Für Niedersachsen und Bremen ergibt eine aktuelle landesweite Auswertung eine Größenordnung von ungefähr 1.300 bis 1.400 Brutrevieren.
In Schleswig-Holstein wird der Bestand auf etwa 220 bis 280 Brutpaare beziehungsweise Reviere geschätzt.
Für Mecklenburg-Vorpommern ergab die letzte umfassende landesweite Kartierung etwa 30 bis 40 Brutpaare. In den unmittelbar folgenden Jahren wurden zeitweise etwas mehr als 40 Paare festgestellt. Da diese Zahlen inzwischen älter sind, sollten sie lediglich als Größenordnung betrachtet werden.
Aus den verfügbaren Landesdaten ergibt sich für Norddeutschland ein Brutbestand von mehr als 1.500 Paaren beziehungsweise Revieren. Eine exakte aktuelle Gesamtsumme lässt sich jedoch nicht angeben, da die Bundesländer nicht gleichzeitig erfassen.
Trotz dieser auf den ersten Blick noch beachtlichen Zahl ist der Bestand langfristig stark zurückgegangen. Viele ehemalige Brutgebiete sind heute verwaist.
Rast- und Winterbestand
Ganz anders sieht die Situation außerhalb der Brutzeit aus.
Dann kommen zahlreiche Große Brachvögel aus Skandinavien, dem Baltikum und Russland nach Norddeutschland. Besonders das Wattenmeer dient als großes Rast-, Mauser- und Überwinterungsgebiet.
Allein in Niedersachsen können zeitweise bis zu etwa 90.000 rastende Große Brachvögel vorkommen.
Auch im schleswig-holsteinischen Wattenmeer halten sich regelmäßig mehrere Zehntausend Tiere auf. Im gesamten Wattenmeer können während der Hauptzeiten des Vogelzuges weit über hunderttausend Große Brachvögel gleichzeitig oder innerhalb eines Zugabschnittes auftreten.
Deshalb entsteht an der Küste ein bemerkenswerter Gegensatz: Als Brutvogel ist der Große Brachvogel gefährdet und vergleichsweise selten, als Rast- und Wintervogel kann er dagegen noch in sehr großen Ansammlungen beobachtet werden.
Brutverhalten
Die ersten Brutvögel kehren bereits im März in ihre Reviere zurück.
Große Brachvögel sind ausgesprochen reviertreu. Ein einmal besetztes Brutgebiet kann über viele Jahre genutzt werden.
Im Frühjahr ist das Männchen besonders durch seine eindrucksvollen Balzflüge zu beobachten. Es steigt über dem Brutrevier auf und gleitet anschließend mit erhobenen Flügeln wieder hinab.
Dabei ertönt der charakteristische, melodische Ruf. Häufig beginnt er mit einzelnen flötenden Lauten, die in eine schneller werdende Rufreihe übergehen.
Nest und Gelege
Der Große Brachvogel ist ein Bodenbrüter.
Das Nest liegt meist in niedriger Vegetation und besteht lediglich aus einer flachen Mulde. Häufig wird eine etwas trockenere Stelle innerhalb einer ansonsten feuchten Wiesen- oder Moorlandschaft gewählt.
Die Mulde wird sparsam mit Gras und anderem Pflanzenmaterial ausgelegt.
Ein vollständiges Gelege umfasst normalerweise vier Eier. Gelegentlich können es etwas weniger oder mehr sein.
Die Eier besitzen eine olivgrüne bis bräunliche Grundfarbe und sind mit zahlreichen dunkleren Flecken versehen. Zwischen Gras und Bodenvegetation sind sie dadurch hervorragend getarnt.
Brut und Aufzucht
Männchen und Weibchen beteiligen sich am Brutgeschäft.
Die Eier werden ungefähr 27 bis 29 Tage bebrütet.
Die Küken sind Nestflüchter. Schon kurz nach dem Schlupf verlassen sie die Nestmulde und bewegen sich selbstständig durch die Vegetation.
Ihre Nahrung suchen die Jungen weitgehend selbst. Beide Eltern führen, bewachen und verteidigen die Küken.
Bei Gefahr warnen die Altvögel mit eindringlichen Rufen und versuchen, mögliche Feinde vom Nachwuchs fernzuhalten.
Nach ungefähr fünf Wochen sind die jungen Brachvögel flugfähig.
Geringer Bruterfolg als Problem
Ein wesentliches Problem vieler norddeutscher Populationen ist nicht allein die Zahl der erwachsenen Brutvögel, sondern der häufig geringe Bruterfolg.
Gelege können durch landwirtschaftliche Arbeiten, frühe Mahd oder Beutegreifer verloren gehen. Auch für die noch nicht flugfähigen Küken sind intensiv bewirtschaftete Wiesen problematisch.
Da Große Brachvögel sehr alt werden können, kann eine Population trotz jahrelang geringen Nachwuchses zunächst vergleichsweise stabil erscheinen. Erst nach längerer Zeit macht sich der fehlende Nachwuchs deutlich im Bestand bemerkbar.
Aussehen
Mit einer Körperlänge von ungefähr 50 bis 60 Zentimetern ist der Große Brachvogel der größte europäische Schnepfenvogel.
Seine Flügelspannweite kann annähernd einen Meter erreichen.
Das auffälligste Merkmal ist der außergewöhnlich lange, gleichmäßig nach unten gebogene Schnabel.
Bei Weibchen ist er durchschnittlich deutlich länger als bei Männchen und kann bei besonders großen Tieren mehr als 15 Zentimeter erreichen.
Die Beine sind relativ lang und graugrün bis blaugrau gefärbt.
Das gesamte Gefieder besteht überwiegend aus Braun-, Grau-, Beige- und Schwarztönen. Aus größerer Entfernung erscheint der Vogel deshalb relativ einfarbig braun. Aus der Nähe zeigt sich dagegen eine sehr feine und komplexe Zeichnung.
Pracht- oder Brutkleid
Der Große Brachvogel besitzt kein ausgeprägt verschiedenes Prachtkleid, wie man es beispielsweise vom Goldregenpfeifer oder Alpenstrandläufer kennt.
Während der Brutzeit bleibt die Grundfärbung überwiegend graubraun bis beigebraun.
Kopf, Hals und Brust sind dicht mit dunklen Längsstreifen versehen. Auch auf Rücken und Flügeln befinden sich zahlreiche dunkle und helle Zeichnungen.
Die Flanken tragen kräftige dunkle Flecken und Streifen.
Der Bauch ist etwas heller als Brust und Oberseite, bleibt jedoch ebenfalls fein gezeichnet.
Über dem Auge kann ein schwacher heller Streifen angedeutet sein, er ist jedoch wesentlich weniger auffällig als bei vielen kleineren Strandläufern.
Männchen und Weibchen besitzen grundsätzlich die gleiche Gefiederfärbung. Im Gelände ist ein Weibchen häufig am längeren Schnabel und durchschnittlich größeren Körper zu erkennen.
Schlicht- oder Winterkleid
Auch im Schlichtkleid verändert sich das Erscheinungsbild nur wenig.
Nach der Mauser wirkt das Gefieder häufig etwas frischer, gleichmäßiger und graubrauner. Die einzelnen Federn besitzen deutliche helle Säume.
Brust, Hals und Flanken bleiben dunkel gestrichelt.
Durch Abnutzung können die Federn im Verlauf des Winters und Frühjahrs heller und weniger gleichmäßig erscheinen.
Ein klarer Farbwechsel zwischen Sommer und Winter findet jedoch nicht statt.
Der Große Brachvogel lässt sich deshalb das ganze Jahr über vor allem an Körpergröße, langem gebogenem Schnabel und seiner braun gestrichelten Grundfärbung erkennen.
Jugendkleid
Junge Große Brachvögel ähneln den erwachsenen Vögeln bereits stark.
Ihr Gefieder wirkt jedoch häufig wärmer, beigebrauner und besonders sauber gezeichnet.
Die Federn auf Rücken und Flügeldecken besitzen deutlich ausgeprägte helle Säume. Dadurch entsteht ein leicht geschupptes Erscheinungsbild.
Brust und Hals zeigen eine feinere braune Strichelung.
Besonders hilfreich für die Altersbestimmung ist der Schnabel. Junge Brachvögel besitzen zunächst einen deutlich kürzeren und weniger stark gebogenen Schnabel.
Während des Wachstums verlängert sich der Schnabel erheblich und entwickelt zunehmend die für erwachsene Große Brachvögel typische starke Krümmung.
Nahrung
Der außergewöhnliche Schnabel ist hervorragend an die Nahrungssuche in weichem Boden angepasst.
Im Binnenland ernährt sich der Große Brachvogel vor allem von Regenwürmern, Insekten und deren Larven, Schnecken, Spinnen und anderen Wirbellosen.
Gelegentlich werden auch kleine Wirbeltiere oder pflanzliche Nahrung aufgenommen.
Im Wattenmeer gehören Ringelwürmer, kleine Krebse und Muscheln zu den wichtigsten Beutetieren.
Mit seinem langen Schnabel kann der Brachvogel tief in weichen Schlamm eindringen und Beutetiere erreichen, an die viele kleinere Watvögel nicht gelangen.
Weibchen können wegen ihres längeren Schnabels teilweise Nahrung aus tieferen Bodenschichten aufnehmen als Männchen.
Verhalten
Große Brachvögel sind außerhalb der Brutzeit gesellig und können große Trupps bilden.
Bei Niedrigwasser verteilen sie sich zur Nahrungssuche weit über die Wattflächen. Wenn das Wasser steigt, verlassen sie das Watt und sammeln sich an höher gelegenen Rastplätzen.
Besonders eindrucksvoll ist ihr Ruf. Das weit tragende, flötende „kur-li“ gehört zu den charakteristischen Lauten norddeutscher Watt- und Wiesenlandschaften.
Im Flug fallen neben der Größe vor allem die langen Flügel und der weiße Bürzel mit einem hellen keilförmigen Bereich auf dem unteren Rücken auf.
Verwechslungsgefahr mit dem Regenbrachvogel
Am ehesten kann der Große Brachvogel mit dem kleineren Regenbrachvogel verwechselt werden.
Der Regenbrachvogel besitzt einen kürzeren Schnabel und eine wesentlich deutlichere Kopfzeichnung mit hellem Scheitelstreif und dunklen seitlichen Scheitelstreifen.
Beim Großen Brachvogel wirkt der Kopf dagegen relativ gleichmäßig gestrichelt.
Auch die Stimme unterscheidet beide Arten deutlich.
Bedeutung Norddeutschlands
Norddeutschland besitzt für den Großen Brachvogel eine doppelte Bedeutung.
Die Feuchtwiesen-, Moor- und Niederungslandschaften insbesondere Niedersachsens und Schleswig-Holsteins beherbergen einen großen Teil des deutschen Brutbestandes.
Gleichzeitig gehört das Wattenmeer zu den wichtigsten Rast- und Überwinterungsgebieten der Art in Europa.
Der Schutz des Großen Brachvogels erfordert deshalb unterschiedliche Maßnahmen. In den Brutgebieten sind vor allem feuchte, extensiv bewirtschaftete Wiesen, Moore und störungsarme Brutflächen wichtig. Während des Vogelzuges und im Winter benötigt die Art großflächige, nahrungsreiche Wattgebiete und sichere Hochwasserrastplätze.
Der Große Brachvogel ist damit sowohl ein typischer Wiesenvogel des norddeutschen Binnenlandes als auch einer der charakteristischsten Watvögel der Nordseeküste.
