Flussuferläufer (Actitis hypoleucos)

Der Flussuferläufer ist ein kleiner, lebhafter Watvogel, der sich bevorzugt unmittelbar an Gewässerufern aufhält. Besonders charakteristisch sind seine ständig wippenden Bewegungen: Beim Stehen und Laufen bewegt er Hinterkörper und Schwanz immer wieder auf und ab.

In Norddeutschland ist der Flussuferläufer vor allem während des Vogelzuges regelmäßig zu beobachten. Als Brutvogel ist er dagegen ausgesprochen selten geworden. Seine wenigen Brutplätze liegen vor allem an störungsarmen Flussufern, Kies- und Sandflächen sowie an einigen künstlich entstandenen Gewässern.

Vorkommen in Norddeutschland

Der Flussuferläufer bevorzugt Gewässer mit offenen oder nur locker bewachsenen Ufern. Besonders geeignet sind Kies- und Sandbänke an Flüssen, flache Uferbereiche, Inseln, Spülsäume sowie Kies- und Sandgruben.

In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern kann die Art während der Zugzeiten an sehr unterschiedlichen Gewässern beobachtet werden. Neben Flüssen nutzt sie Seen, Teiche, Speicherbecken, Hafenbereiche, Lagunen und Küstengewässer.

An Nord- und Ostsee erscheint der Flussuferläufer regelmäßig auf seinem Weg zwischen den nördlichen Brutgebieten und den südlichen Überwinterungsgebieten.

Als Brutvogel ist er in Norddeutschland dagegen nur noch punktuell verbreitet. Besonders natürliche Flusslandschaften mit Kiesbänken und störungsarmen Uferabschnitten sind selten geworden.

Geschätzter Bestand

Der norddeutsche Brutbestand ist sehr klein.

Für Schleswig-Holstein werden lediglich etwa ein bis drei Brutpaare beziehungsweise Reviere angegeben. In Niedersachsen lag die Bestandsschätzung bei ungefähr 25 Brutpaaren, wobei ein Schwerpunkt an der unteren Mittelelbe und im südöstlichen Niedersachsen liegt.

Für Mecklenburg-Vorpommern wurden bei der letzten umfassenden landesweiten Kartierung nur etwa vier bis fünf Brutpaare beziehungsweise Reviere angenommen.

Da diese Zahlen aus unterschiedlichen Erfassungszeiträumen stammen, dürfen sie nicht als exakte aktuelle Gesamtzahl zusammengezählt werden. Sie zeigen jedoch deutlich, dass in Norddeutschland nur noch wenige Dutzend Brutpaarevorkommen.

Während des Vogelzuges ist der Flussuferläufer wesentlich häufiger. Dann erreichen zahlreiche Vögel aus Skandinavien, Nordosteuropa und Russland Norddeutschland. Deutschlandweit werden während des Herbstzuges mehrere tausend rastende Flussuferläufer angenommen.

Zugverhalten

Der Flussuferläufer ist überwiegend ein Langstreckenzieher.

Die ersten Vögel erscheinen im Frühjahr meist ab April. Der Heimzug in die nördlichen Brutgebiete erreicht im April und Mai seinen Höhepunkt.

Der Rückzug beginnt erstaunlich früh. Bereits ab Ende Juni und im Juli können wieder die ersten Vögel auf dem Weg nach Süden beobachtet werden. Im August und September ist die Art besonders regelmäßig anzutreffen.

Die europäischen Flussuferläufer überwintern vor allem in Afrika. Einzelne Tiere können jedoch auch wesentlich weiter nördlich überwintern. In Deutschland bleiben im Winter nur sehr wenige Flussuferläufer zurück.

Brutverhalten

Die Brutzeit beginnt gewöhnlich im April oder Mai.

Ein Brutrevier liegt fast immer in unmittelbarer Nähe eines Gewässers. Wichtig sind offene Uferbereiche, die ausreichend Nahrung bieten, sowie geschützte Stellen für die Anlage des Nestes.

Das Nest befindet sich am Boden und kann einige Meter vom Wasser entfernt liegen. Es wird meist zwischen niedriger Vegetation, unter überhängenden Pflanzen, zwischen Steinen oder in angeschwemmtem Pflanzenmaterial verborgen.

Das Nest selbst besteht aus einer flachen Mulde, die mit kleinen Blättern, Gräsern und anderem Pflanzenmaterial ausgekleidet wird.

Gelege und Aufzucht

Ein vollständiges Gelege umfasst normalerweise vier Eier.

Die Eier besitzen eine helle gelbliche bis bräunliche Grundfarbe und sind mit dunkleren Punkten und Flecken versehen. Dadurch sind sie auf Sand, Kies und trockenem Pflanzenmaterial hervorragend getarnt.

Beide Eltern beteiligen sich am Brüten. Nach ungefähr drei Wochen schlüpfen die Küken.

Die Jungvögel sind Nestflüchter. Bereits kurz nach dem Schlupf verlassen sie das Nest und folgen ihren Eltern.

Sie suchen einen großen Teil ihrer Nahrung selbstständig. Die Altvögel führen und bewachen sie und warnen bei Gefahr.

Nach ungefähr drei bis vier Wochen sind die jungen Flussuferläufer flugfähig.

Aussehen

Der Flussuferläufer erreicht ungefähr 19 bis 21 Zentimeter Körperlänge und ist damit etwa so groß wie eine kleine Drossel.

Die Oberseite ist braun bis graubraun gefärbt, während der Bauch auffällig weiß ist.

Besonders charakteristisch ist ein kleiner weißer Keil zwischen Brust und Flügelansatz. Dieser helle Einschnitt zieht sich seitlich nach oben und ist ein sehr nützliches Erkennungsmerkmal.

Der Schnabel ist relativ lang, gerade und dunkel. An der Basis kann er etwas heller erscheinen.

Die Beine sind vergleichsweise kurz und meist graugrün, olivfarben oder gelblichgrau.

Ein weiteres auffälliges Merkmal ist das ständige Wippen des Hinterkörpers und des Schwanzes.

Pracht- oder Brutkleid

Im Brutkleid ist die Oberseite warm braun bis olivbraun gefärbt.

Kopf, Hals und Brust zeigen feine dunkle Strichelungen. Auch Rücken und Flügel besitzen eine feine dunkle Zeichnung.

Die Brust ist braun gestrichelt, während die Bauchmitte deutlich weiß bleibt.

Ein heller Überaugenstreif zieht sich vom Schnabel über das Auge nach hinten. Durch das Auge verläuft gleichzeitig ein dunklerer Streifen.

Der seitliche weiße Keil zwischen Brust und Flügel ist deutlich sichtbar.

Männchen und Weibchen sehen sich äußerlich sehr ähnlich und lassen sich im Gelände normalerweise nicht sicher voneinander unterscheiden.

Schlicht- oder Winterkleid

Der Wechsel zum Schlichtkleid fällt beim Flussuferläufer wesentlich weniger deutlich aus als beispielsweise beim Alpenstrandläufer oder Dunklen Wasserläufer.

Im Herbst und Winter wirkt die Oberseite insgesamt gleichmäßiger graubraun. Die feinen dunklen Zeichnungen des Brutkleides werden schwächer.

Auch Brust und Hals erscheinen weniger stark gestrichelt.

Die weiße Unterseite und der typische weiße Einschnitt vor dem Flügel bleiben jedoch erhalten.

Der Flussuferläufer besitzt deshalb zu allen Jahreszeiten ein recht ähnliches Grunderscheinungsbild.

Jugendkleid

Junge Flussuferläufer ähneln bereits stark den erwachsenen Vögeln.

Ihre Oberseite besitzt jedoch eine besonders feine Zeichnung. Viele Federn haben helle beige bis cremefarbene Säume sowie dunkle Querzeichnungen.

Dadurch wirken Rücken und Flügel deutlich geschuppt oder fein gebändert.

Die Brust ist ebenfalls leicht gestrichelt, während Bauch und hintere Unterseite weiß bleiben.

Auch Jungvögel zeigen bereits das für die Art typische Wippen des Hinterkörpers.

Während des Spätsommers und Herbstes können junge Flussuferläufer besonders häufig an norddeutschen Gewässern beobachtet werden.

Nahrung

Der Flussuferläufer ernährt sich hauptsächlich von kleinen wirbellosen Tieren.

Dazu gehören Insekten und deren Larven, kleine Krebstiere, Würmer, Spinnen, Schnecken und andere Kleintiere. Gelegentlich werden auch kleine Kaulquappen oder andere sehr kleine Wasserbewohner erbeutet.

Bei der Nahrungssuche läuft der Vogel meist unmittelbar an der Wasserlinie entlang. Kleine Beutetiere werden von Steinen, Schlamm, Pflanzen oder von der Wasseroberfläche aufgenommen.

Dabei bleibt der Flussuferläufer selten lange an einer Stelle stehen. Er bewegt sich schnell am Ufer entlang und unterbricht seinen Lauf immer wieder für kurze Schnabelstöße.

Verhalten

Neben dem ständigen Wippen ist auch der Flug sehr charakteristisch.

Bei einer Störung fliegt der Flussuferläufer häufig niedrig über die Wasseroberfläche davon. Seine Flügelschläge wirken schnell, flach und etwas steif.

Im Flug wird ein deutlicher weißer Flügelstreifen sichtbar.

Häufig fliegt der Vogel nur einige hundert Meter am Ufer entlang und landet anschließend wieder auf einem Stein, einer Sandbank oder unmittelbar an der Wasserlinie.

Außerhalb der Brutzeit können Flussuferläufer einzeln oder in kleinen Gruppen auftreten. Sehr große geschlossene Schwärme bilden sie normalerweise nicht.

Bedeutung Norddeutschlands

Für den Flussuferläufer besitzt Norddeutschland heute vor allem als Rastgebiet während des Vogelzuges große Bedeutung.

Flüsse, Seen, Teiche und Küstengewässer bieten den durchziehenden Vögeln zahlreiche Möglichkeiten zur Nahrungssuche und zum Rasten.

Als Brutvogel ist die Art dagegen ausgesprochen selten geworden. Natürliche Flüsse verändern ihre Ufer heute wesentlich weniger als früher, weil viele Gewässer begradigt, befestigt oder reguliert wurden. Dadurch fehlen immer häufiger neue Sand- und Kiesflächen.

Auch Freizeitaktivitäten können Brutplätze beeinträchtigen, da Flussuferläufer ihre Nester unmittelbar am Boden und häufig in Bereichen anlegen, die auch von Menschen genutzt werden.

Naturnahe Flussabschnitte mit Kies- und Sandbänken, wechselnden Wasserständen und störungsarmen Ufern sind deshalb für den Erhalt des Flussuferläufers als norddeutscher Brutvogel besonders wertvoll.