Kiebitz (Vanellus vanellus)

Der Kiebitz ist einer der bekanntesten Vögel der norddeutschen offenen Landschaft. Seine auffällige Federholle, die metallisch grün und violett schimmernde Oberseite sowie die breiten, rundlichen Flügel machen ihn unverwechselbar. Typisch sind auch seine akrobatischen Balzflüge über Wiesen und Äckern. Obwohl der Kiebitz noch großräumig verbreitet ist, sind viele Bestände in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen.

Vorkommen in Norddeutschland

In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ist der Kiebitz Brutvogel, Durchzügler und teilweise Wintergast. Bevorzugt werden weite, offene Landschaften mit kurzer Vegetation. Feuchtwiesen, extensiv genutzte Weiden, Marschgrünland, Moore und Überschwemmungsflächen gehören zu den ursprünglichen Lebensräumen.

Heute brüten viele Kiebitze auch auf Ackerflächen. Besonders im Frühjahr bieten frisch bearbeitete Felder zunächst freie Sicht und kurze Vegetation. Solche Flächen können jedoch zur ökologischen Falle werden, wenn Gelege bei der Bodenbearbeitung verloren gehen oder die Küken später nicht genügend Nahrung finden.

Während des Zuges sammeln sich Kiebitze auf Grünland, Äckern und in Küstenmarschen teilweise zu sehr großen Schwärmen. In milden Wintern bleiben beträchtliche Zahlen in Norddeutschland.

Geschätzter Bestand

Für Deutschland wurde der Brutbestand für den Zeitraum 2017 bis 2022 auf ungefähr 49.000 bis 77.000 Reviere geschätzt. Ein großer Teil davon liegt im norddeutschen Tiefland. Trotz regionaler Schutzprojekte ist der langfristige Bestandstrend deutlich negativ.

Außerhalb der Brutzeit liegen die Zahlen erheblich höher. Für Deutschland werden im Herbst Größenordnungen von ungefähr 200.000 bis 300.000 Individuen und im Winter etwa 75.000 bis 100.000 Individuen angegeben. Dabei kommen zusätzlich Vögel aus nördlichen und östlichen Brutgebieten hinzu.

Brutverhalten

Schon im zeitigen Frühjahr besetzen Kiebitze ihre Brutreviere. Die Männchen führen auffällige Balzflüge aus, bei denen sie sich mit kräftigen Flügelschlägen drehen, steil abfallen und wieder aufsteigen. Dabei sind ihre charakteristischen Rufe weithin hörbar.

Das Nest ist eine flache Mulde am Boden. Das Gelege besteht meist aus vier birnenförmigen Eiern, deren olivbraune Grundfarbe und dunkle Fleckung hervorragend mit Erde und Vegetation verschmelzen.

Die Brut dauert ungefähr 26 bis 29 Tage. Beide Eltern beteiligen sich an der Verteidigung des Reviers; das Weibchen übernimmt den größten Teil der eigentlichen Brut.

Aufzucht der Jungen

Kiebitzküken sind Nestflüchter. Bereits wenige Stunden nach dem Schlupf können sie laufen und selbstständig kleine Beutetiere aufnehmen. Die Eltern führen sie zu geeigneten Nahrungsflächen und warnen eindringlich vor Gefahren.

Bei Annäherung von Krähen, Möwen oder Greifvögeln steigen die Altvögel auf und greifen den Eindringling mit lautem Rufen und Sturzflügen an. Die Küken drücken sich währenddessen flach an den Boden und sind aufgrund ihres Tarngefieders kaum zu entdecken.

Nach ungefähr fünf Wochen sind die Jungvögel flugfähig.

Aussehen

Der Kiebitz erreicht etwa 28 bis 31 Zentimeter Körperlänge. Im Sitzen fällt zunächst die schwarz-weiße Grundzeichnung auf. Bei gutem Licht zeigt die dunkle Oberseite jedoch einen intensiven metallischen Glanz in Grün, Bronze und Violett.

Der Bauch ist weiß, die Brust dunkel, die Unterschwanzdecken sind rostfarben. Auf dem Kopf sitzt eine lange, schmale Federholle. Die Beine sind rötlich bis fleischfarben.

Im Flug fallen die sehr breiten und abgerundeten Flügel auf. Die langsamen, teilweise flatternden Flügelschläge unterscheiden den Kiebitz deutlich von vielen anderen Watvögeln.

Pracht- und Brutkleid

Im Frühjahr sind die Kontraste besonders kräftig. Männchen besitzen meist eine längere Federholle und eine ausgedehntere dunkle Kehle. Die metallischen Farben der Oberseite wirken frisch und intensiv.

Weibchen ähneln den Männchen, wirken aber oft etwas weniger kontrastreich. Die Kehle kann stärker weiß durchsetzt sein und die Haube ist im Durchschnitt kürzer.

Schlichtkleid

Nach der Brutzeit erscheinen Kopf und Hals weniger tiefschwarz. Helle Federsäume machen das Gefieder insgesamt matter und schuppiger. Die charakteristische Haube und der metallische Schimmer der Oberseite bleiben jedoch erhalten.

Jugendkleid

Junge Kiebitze besitzen breite beige Säume an den Federn der Oberseite. Dadurch wirkt das Rückengefieder deutlich geschuppt. Die Haube ist noch kurz, die dunkle Brust weniger geschlossen und die Gesamtfärbung wärmer braun.

Nahrung und Nahrungssuche

Kiebitze ernähren sich überwiegend von Regenwürmern, Insekten, Käfern, Larven, Spinnen und anderen kleinen Wirbellosen. Besonders feuchte, weiche Böden sind ergiebige Nahrungsflächen.

Typisch ist eine Nahrungssuche in kurzen Laufabschnitten. Der Vogel bleibt stehen, beobachtet den Boden und pickt anschließend gezielt nach Beute. Regenwürmer werden häufig aus dem Boden gezogen.

Verhalten

Während der Brutzeit verteidigen Kiebitze ihre Umgebung energisch. Außerhalb der Brutzeit werden sie ausgesprochen gesellig und bilden Schwärme von mehreren hundert oder tausend Vögeln. Solche Trupps können bei Störungen gleichzeitig auffliegen und mit ihren wechselnden hellen und dunklen Flügelseiten eindrucksvolle Muster am Himmel erzeugen.

Bedeutung Norddeutschlands

Das norddeutsche Tiefland gehört zu den wichtigsten Brut- und Rastregionen des Kiebitzes in Deutschland. Der Erhalt großflächiger, feuchter und möglichst extensiv genutzter Offenlandschaften ist deshalb entscheidend.

Hohe Wasserstände, späte Mahd, der Schutz von Gelegen auf Ackerflächen und ausreichend insektenreiche Kükenhabitate können den Bruterfolg deutlich verbessern. Der Kiebitz ist damit eine Leitart für eine Landschaft, in der Landwirtschaft und Wiesenvogelschutz miteinander vereinbar sein müssen.