Mornellregenpfeifer (Charadrius morinellus)

Der Mornellregenpfeifer ist ein ungewöhnlicher Regenpfeifer der Tundren und Hochgebirge. In Deutschland ist er kein regelmäßiger Brutvogel, sondern vor allem ein seltener, aber alljährlich auftretender Durchzügler. Besonders im Spätsommer werden traditionelle Rastplätze auf offenen, weithin überschaubaren Ackerflächen und Hochflächen genutzt.

Vorkommen in Norddeutschland

Die europäischen Brutgebiete liegen vor allem in Skandinavien, Nordrussland, Schottland und einigen Hochgebirgsregionen. Auf dem Zug in die nordafrikanischen Überwinterungsgebiete überqueren Mornellregenpfeifer Deutschland.

In Norddeutschland erscheinen sie hauptsächlich auf großräumig offenen, strukturarmen Flächen. Geeignet sind abgeerntete oder frisch bearbeitete Äcker, kahle Hochflächen und weitgehend vegetationsfreie Felder. Traditionelle Rastgebiete können über viele Jahre hinweg wiederholt genutzt werden.

Der Herbstzug ist wesentlich auffälliger als der Frühjahrszug und konzentriert sich häufig auf einen relativ kurzen Zeitraum von der zweiten Augusthälfte bis Anfang September.

Geschätzter Bestand

Deutschland besitzt keinen nennenswerten Brutbestand. Für den Rastbestand werden je nach Jahr Größenordnungen von mehreren tausend Individuen angenommen. In aktuellen bundesweiten Zusammenstellungen liegt die Größenklasse des maximalen Rastbestandes ungefähr bei 3.000 bis 8.000 Vögeln.

Die Zahl schwankt stark mit dem Bruterfolg in den nördlichen Brutgebieten und mit dem Verlauf des Zuges. An einzelnen traditionellen Rastplätzen können innerhalb weniger Tage mehrere Dutzend oder sogar hunderte Vögel beobachtet werden.

Brutverhalten

Beim Mornellregenpfeifer sind die üblichen Geschlechterrollen teilweise umgekehrt. Das Weibchen ist im Prachtkleid häufig kräftiger gefärbt und beteiligt sich aktiv an der Balz. Nach der Eiablage übernimmt überwiegend das Männchen die Brut und später auch die Führung der Jungen.

Das Nest ist eine flache Mulde auf offenem Boden in Tundra oder alpinen Landschaften. Das Gelege besteht meist aus drei Eiern. Die Brutdauer beträgt ungefähr 24 bis 28 Tage.

Aufzucht der Jungen

Die Küken sind Nestflüchter und suchen ihre Nahrung kurz nach dem Schlupf selbst. Das Männchen führt und wärmt sie und warnt vor Gefahren. Nach wenigen Wochen werden die Jungvögel flugfähig.

Aussehen

Der Mornellregenpfeifer ist ungefähr 20 bis 24 Zentimeter lang. Er besitzt einen relativ kurzen dunklen Schnabel, gelblich bis grünliche Beine und eine kompakte Regenpfeifergestalt.

Ein wichtiges Merkmal ist der breite helle Überaugenstreif, der sich hinter dem Auge fortsetzt. Im Brutkleid fällt außerdem ein weißes Brustband auf, das die graue Oberbrust von der warm rostfarbenen Unterbrust trennt.

Pracht- und Brutkleid

Im Prachtkleid ist der Scheitel dunkel, der Überaugenstreif weiß, Hals und Oberbrust sind grau. Unterhalb des weißen Brustbandes folgt eine rostorange bis kastanienbraune Bauchpartie mit dunklerem Zentrum.

Weibchen können kräftiger und kontrastreicher gefärbt sein als Männchen. Dieser umgekehrte Geschlechtsdimorphismus passt zum ungewöhnlichen Fortpflanzungssystem der Art.

Schlichtkleid

Im Schlichtkleid verschwinden die intensiven Rosttöne weitgehend. Die Unterseite wird heller und beigegrau, die Oberseite wirkt braungrau geschuppt. Der helle Überaugenstreif bleibt ein wichtiges Erkennungsmerkmal.

Jugendkleid

Jungvögel besitzen eine besonders deutlich geschuppte Oberseite mit hellen Federsäumen. Brust und Flanken sind fein gestrichelt. Insgesamt ähnelt das Jugendkleid stärker dem Schlichtkleid als dem farbigen Brutkleid.

Nahrung und Nahrungssuche

Mornellregenpfeifer ernähren sich von Insekten, Käfern, Larven, Spinnen, Würmern und anderen kleinen Wirbellosen. In den Brutgebieten können auch Beeren und andere pflanzliche Nahrung aufgenommen werden.

Auf Rastflächen bewegen sie sich in kurzen Läufen und lesen Beute von der Bodenoberfläche auf. Frisch bearbeitete, steinige oder nur spärlich bewachsene Böden erleichtern die Nahrungssuche.

Verhalten

Die Art ist für ihr oft erstaunlich vertrautes Verhalten bekannt. Einzelne Vögel oder kleine Gruppen verlassen sich stark auf ihre Tarnung und bleiben teilweise lange am Boden sitzen, bevor sie auffliegen.

Gerade deshalb können Mornellregenpfeifer auf großen Ackerflächen leicht übersehen werden. Gezielte Suche in bekannten Zugkorridoren hat gezeigt, dass die Art häufiger durch Deutschland zieht, als frühere Zufallsbeobachtungen vermuten ließen.

Bedeutung Norddeutschlands

Norddeutsche Offenlandschaften bilden einen Teil des Zugkorridors zwischen Skandinavien und Nordafrika. Weil geeignete Rastflächen oft nur für kurze Zeit nach der Ernte oder Bodenbearbeitung verfügbar sind, können einzelne Flächen in der Hauptzugzeit besonders wichtig werden.

Großräumige Offenheit und geringe Störung sind entscheidend. Hohe vertikale Strukturen und häufige Beunruhigung können traditionelle Rastplätze entwerten. Der Schutz bekannter Rastgebiete ist deshalb trotz der kurzen Aufenthaltsdauer der Vögel von Bedeutung.