Dunkler Wasserläufer (Tringa erythropus)

Der Dunkle Wasserläufer ist ein auffälliger Watvogel, dessen Erscheinungsbild sich im Laufe des Jahres außergewöhnlich stark verändert. Während er im Brutkleid nahezu schwarz erscheint, ist sein Gefieder außerhalb der Brutzeit überwiegend hellgrau und weiß. In Norddeutschland ist er kein Brutvogel, sondern vor allem während des Frühjahrs- und Herbstzuges zu beobachten.

Besonders bedeutend sind das Wattenmeer und die großen Feuchtgebiete der norddeutschen Küstenregion. Dort können während des Zuges größere Ansammlungen auftreten. Auch im Binnenland erscheint die Art regelmäßig an geeigneten Flachgewässern.

Vorkommen in Norddeutschland

Die Brutgebiete des Dunklen Wasserläufers liegen weit nördlich von Deutschland. Sie erstrecken sich von Nordskandinavien über die nördlichen Regionen Russlands bis weit nach Sibirien.

Norddeutschland liegt dagegen auf einer wichtigen Zugroute zwischen diesen Brutgebieten und den Überwinterungsgebieten. Viele Vögel ziehen über Mittel- und Westeuropa weiter in Richtung Afrika. Ein Teil überwintert bereits im Mittelmeerraum oder in Westeuropa.

In Schleswig-Holstein und Niedersachsen ist besonders das Wattenmeer von großer Bedeutung. Hier nutzen Dunkle Wasserläufer schlickreiche Wattbereiche, flache Priele, Salzwiesen, Lagunen und küstennahe Süß- und Brackwasserflächen.

Auch an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns tritt die Art regelmäßig auf. Dort findet man sie unter anderem in Boddengewässern, flachen Buchten, an überschwemmten Wiesen und auf schlammigen Uferflächen.

Im Binnenland werden Klärteiche, Fischteiche, Überschwemmungsgebiete, Flachseen und andere Feuchtgebiete genutzt.

Zugzeiten

Der Frühjahrszug findet hauptsächlich im April und Mai statt. Dann ziehen die Vögel nach Norden in ihre Brutgebiete.

Bemerkenswert früh beginnt der Rückzug. Bereits im Juni können die ersten Dunklen Wasserläufer wieder in Norddeutschland erscheinen. Dabei handelt es sich häufig um Weibchen, die ihre Brutgebiete früher verlassen.

Im Juli und August folgen weitere Altvögel, später auch die Jungvögel. Der Herbstzug kann sich bis in den Oktober hinein erstrecken.

Einzelne Dunkle Wasserläufer bleiben auch im Winter in Norddeutschland. Sie sind jedoch deutlich seltener als während der Zugzeiten.

Geschätzter Bestand

Da der Dunkle Wasserläufer in Deutschland nicht brütet, beziehen sich Bestandsangaben auf rastende und durchziehende Vögel.

Für Deutschland wurde über längere Zeit eine Größenordnung von rund 12.500 rastenden Dunklen Wasserläufernangenommen. Ein erheblicher Teil davon nutzt die norddeutschen Küstengebiete.

Für Schleswig-Holstein wird für den Rastbestand eine Größenordnung von etwa 7.500 Vögeln angegeben. Niedersachsen gehört ebenfalls zu den wichtigsten Rastgebieten Deutschlands. Dort wurden in früheren Bestandsschätzungen bis zu etwa 5.000 Individuen angesetzt.

Neuere Zählungen zeigen allerdings, dass die Bestände im Wattenmeer regional deutlich niedriger liegen können als in früheren Jahrzehnten. Die tatsächliche Zahl schwankt zudem von Jahr zu Jahr und hängt stark von Zugverlauf, Wasserständen und dem Angebot geeigneter Nahrungsflächen ab.

Während des Zuges können sich an besonders günstigen Rastplätzen mehrere hundert oder sogar über tausend Dunkle Wasserläufer gleichzeitig versammeln.

Brutverhalten

In Norddeutschland brütet der Dunkle Wasserläufer nicht. Sein Brutverhalten lässt sich deshalb bei uns normalerweise nicht beobachten.

Die Brutgebiete liegen in der nordischen Taiga und Tundra. Bevorzugt werden offene Moorlandschaften, sumpfige Flächen, feuchte Heidegebiete und nur locker mit Bäumen bewachsene Landschaften.

Das Nest befindet sich am Boden. Es besteht aus einer kleinen Mulde, die meist zwischen niedriger Vegetation verborgen liegt und nur sparsam mit Pflanzenmaterial ausgepolstert wird.

Das Gelege umfasst gewöhnlich vier Eier.

Eine Besonderheit besteht in der Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern. Das Weibchen kann das Brutgebiet bereits verlassen, während das Männchen die weitere Brut und anschließend einen großen Teil der Jungenbetreuung übernimmt.

Nach ungefähr drei bis dreieinhalb Wochen schlüpfen die Jungen.

Aufzucht der Jungen

Die Küken sind typische Nestflüchter. Sie besitzen beim Schlupf bereits ein dichtes Daunenkleid und können das Nest schon nach kurzer Zeit verlassen.

Die Jungvögel suchen ihre Nahrung weitgehend selbstständig. Der Altvogel führt und bewacht sie und warnt bei Gefahr.

Nach einigen Wochen werden die jungen Dunklen Wasserläufer flugfähig und beginnen wenig später mit dem Zug in Richtung ihrer südlichen Rast- und Überwinterungsgebiete.

Aussehen

Der Dunkle Wasserläufer erreicht ungefähr 29 bis 32 Zentimeter Körperlänge und gehört damit zu den größeren Wasserläufern.

Er besitzt ausgesprochen lange Beine und wirkt dadurch hochbeinig und elegant. Der Schnabel ist lang, dünn und überwiegend gerade; seine Spitze kann leicht nach unten gebogen erscheinen.

Im Flug ragen die langen Beine deutlich über das Schwanzende hinaus.

Ein weiteres wichtiges Flugmerkmal ist der auffällige weiße Rückenkeil, der sich vom Bürzel weit auf den Rücken nach vorne zieht. Ein deutlicher weißer Flügelstreifen fehlt dagegen.

Pracht- oder Brutkleid

Das Prachtkleid gehört zu den auffälligsten Gefiedern europäischer Watvögel.

Kopf, Hals, Brust, Bauch und große Teile der Oberseite erscheinen dunkel schiefergrau bis nahezu schwarz. Auf Rücken und Flügeln befinden sich kleine helle Flecken und Federsäume.

Die dunkle Färbung reicht weit über die Unterseite und verleiht dem Vogel sein charakteristisches Erscheinungsbild.

Der Schnabel ist dunkel und besitzt an seiner Basis eine rötliche Färbung. Die langen Beine erscheinen kräftig dunkelrot bis rotbraun.

Männchen und Weibchen ähneln sich grundsätzlich. Weibchen können im vollständigen Brutkleid etwas weniger tiefschwarz und stärker gefleckt erscheinen.

Übergangskleid

In Norddeutschland sieht man Dunkle Wasserläufer häufig im Übergang zwischen Pracht- und Schlichtkleid.

Besonders während des frühen Rückzuges im Sommer können noch große schwarze Gefiederbereiche vorhanden sein, während bereits neue helle Federn wachsen.

Manche Vögel wirken dadurch auffällig schwarz, grau und weiß gescheckt.

Da die Weibchen ihre Brutgebiete teilweise schon früh verlassen, können bereits im Juni Vögel im dunklen Brutkleid oder beginnenden Übergangskleid im Wattenmeer beobachtet werden.

Schlicht- oder Winterkleid

Das Schlichtkleid unterscheidet sich überraschend stark vom Prachtkleid.

Kopf, Nacken und Oberseite sind nun überwiegend hell- bis mittelgrau. Die Unterseite ist fast vollständig weiß.

Die Brust kann fein grau gestrichelt sein. Über dem Auge befindet sich ein heller Überaugenstreif, während ein dunklerer Streifen durch die Augenregion verläuft.

Die Beine bleiben rötlich, können jedoch weniger kräftig gefärbt wirken als während der Brutzeit.

In diesem Kleid besteht eine gewisse Verwechslungsgefahr mit dem Rotschenkel. Der Dunkle Wasserläufer wirkt jedoch schlanker und deutlich hochbeiniger und besitzt einen längeren, feineren Schnabel.

Jugendkleid

Junge Dunkle Wasserläufer unterscheiden sich deutlich von Altvögeln im schwarzen Brutkleid.

Ihre Oberseite ist graubraun bis dunkelbraun und dicht mit kleinen hellen Flecken und Federsäumen versehen. Dadurch entsteht ein fein gesprenkeltes Erscheinungsbild.

Kopf und Hals sind heller und fein gestrichelt. Brust und Flanken zeigen eine zarte graubraune Zeichnung, während der Bauch überwiegend weiß bleibt.

Die Beine sind bereits relativ lang und meist rötlich bis orangebraun gefärbt.

Im Laufe des ersten Winters wird das Jugendgefieder nach und nach durch ein Gefieder ersetzt, das dem Schlichtkleid erwachsener Tiere ähnelt.

Nahrung und Nahrungssuche

Dunkle Wasserläufer suchen ihre Nahrung bevorzugt in sehr flachem Wasser. Dabei können sie deutlich tiefer ins Wasser hineinlaufen als viele kleinere Watvögel.

Gelegentlich schwimmen sie sogar.

Zur Nahrung gehören Wasserinsekten und deren Larven, kleine Krebstiere, Würmer, Schnecken und Muscheln. Auch kleine Fische und andere kleine Wassertiere werden erbeutet.

Bei der Jagd laufen Dunkle Wasserläufer häufig schnell durch das Wasser und verfolgen bewegliche Beute. Dabei können sie den Schnabel rasch ins Wasser stoßen oder seitlich durch das Wasser führen.

Dieses lebhafte Jagdverhalten unterscheidet sie von Watvögeln, die ihre Nahrung hauptsächlich durch langsames Stochern im Boden suchen.

Bedeutung Norddeutschlands

Norddeutschland besitzt für den Dunklen Wasserläufer vor allem als Rast- und Nahrungsgebiet während des Vogelzuges große Bedeutung.

Das Wattenmeer gehört zu den wichtigsten Rastregionen auf seinem Weg zwischen den nordeuropäischen Brutgebieten und den weiter südlich gelegenen Winterquartieren.

Daneben sind auch Binnengewässer, Überschwemmungsflächen, Salzwiesen und flache Küstenlagunen wichtige Rastplätze.

Besonders wertvoll sind Gewässer mit wechselnden Wasserständen und ausgedehnten Flachwasser- und Schlammzonen. Dort finden die Vögel ausreichend Nahrung, um die Energiereserven für ihren weiteren Zug aufzufüllen.

Der Dunkle Wasserläufer zeigt dabei besonders eindrucksvoll, wie stark sich das Erscheinungsbild eines Watvogels im Jahresverlauf verändern kann: Vom nahezu schwarzen Vogel im Prachtkleid verwandelt er sich innerhalb weniger Monate in einen überwiegend hellgrau-weißen Wintergast.