Flussregenpfeifer (Charadrius dubius)
Der Flussregenpfeifer ist ein kleiner, zierlicher Watvogel, der in Norddeutschland vor allem an vegetationsarmen Gewässerufern, Kies- und Sandflächen anzutreffen ist. Auffällig sind seine schnellen Bewegungen am Boden: Er läuft einige Meter, bleibt plötzlich stehen, sucht nach Beute und setzt seinen Weg anschließend ebenso rasch fort.
Ursprünglich bewohnte der Flussregenpfeifer vor allem natürliche Kies- und Sandbänke entlang unverbauter Flüsse. Da solche Lebensräume selten geworden sind, nutzt er heute häufig vom Menschen geschaffene Ersatzlebensräume.
Vorkommen in Norddeutschland
In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ist der Flussregenpfeifer ein regelmäßiger, aber nicht überall verbreiteter Brutvogel.
Typische Brutplätze finden sich heute in Sand- und Kiesgruben, Tagebau- und Abbauflächen, auf Spülflächen, an Klär- und Absetzteichen, auf größeren Baustellen sowie auf vegetationsarmen Industrie- und Brachflächen. Auch neu entstandene Flachwasserbereiche und wiedervernässte Landschaften können besiedelt werden.
Entscheidend ist weniger die Nähe zu einem großen Fluss als das Vorhandensein offener, möglichst störungsarmer Kies-, Sand- oder Rohbodenflächen. Die Vegetation darf nur spärlich entwickelt sein.
An den Küsten Norddeutschlands kommt die Art ebenfalls vor, ihr Schwerpunkt liegt jedoch stärker im Binnenland als beispielsweise beim Sandregenpfeifer.
Der Flussregenpfeifer ist ein Zugvogel. Die ersten Tiere kehren meist im März und April aus ihren Winterquartieren zurück. Ab Spätsommer ziehen die Vögel wieder nach Süden. Die europäischen Populationen überwintern überwiegend in Afrika.
Geschätzter Bestand
Der Flussregenpfeifer gehört in Norddeutschland zu den eher seltenen Brutvögeln, ist jedoch wesentlich häufiger als einige stark bedrohte Watvogelarten.
Für Schleswig-Holstein wird ein Bestand von ungefähr 400 Brutpaaren beziehungsweise Revieren angegeben.
In Niedersachsen und Bremen wurden zuletzt ungefähr 800 Brutpaare beziehungsweise Reviere angenommen.
Für Mecklenburg-Vorpommern ergab die letzte umfassende landesweite Kartierung etwa 470 bis 600 Brutpaare. Diese Erhebung liegt allerdings bereits einige Jahre zurück.
Aus den verfügbaren Landesdaten ergibt sich für Norddeutschland eine grobe Größenordnung von rund 1.500 bis 2.000 Brutpaaren. Diese Zahl ist nur als Orientierung zu verstehen, da die Erhebungen aus unterschiedlichen Jahren stammen und sich Brutplätze dieser Art schnell verändern können.
Für ganz Deutschland wird aktuell ein Bestand von etwa 4.600 bis 6.500 Brutpaaren angegeben.
Eine Besonderheit des Flussregenpfeifers besteht darin, dass einzelne Brutplätze nur wenige Jahre bestehen können. Wird beispielsweise eine Kiesgrube nicht mehr genutzt und wächst die Fläche langsam zu, verschwindet häufig auch der Flussregenpfeifer. Gleichzeitig kann er neu entstandene geeignete Flächen erstaunlich schnell besiedeln.
Brutverhalten
Die Brutzeit beginnt hauptsächlich im April und reicht bis in den Sommer.
Nach der Ankunft besetzen die Paare offene Kies-, Sand- oder Rohbodenflächen. Das Männchen zeigt während der Balz auffällige Lauf- und Flugbewegungen und präsentiert mögliche Neststellen.
Ein eigentliches Nest wird kaum gebaut. Der Flussregenpfeifer legt lediglich eine flache Mulde im Kies, Sand oder trockenen Boden an. Gelegentlich werden einige kleine Steinchen oder Pflanzenteile um die Mulde gelegt.
Das Gelege besteht meistens aus vier Eiern.
Die Eier besitzen eine helle sandfarbene bis bräunliche Grundfarbe mit zahlreichen dunklen Flecken und Punkten. Zwischen kleinen Steinen und Kies sind sie dadurch außerordentlich gut getarnt.
Brut und Aufzucht der Jungen
Männchen und Weibchen beteiligen sich am Brüten. Die Brutdauer beträgt ungefähr 22 bis 28 Tage, im Durchschnitt etwa 25 Tage.
Die frisch geschlüpften Jungen sind Nestflüchter. Bereits kurze Zeit nach dem Schlupf verlassen sie die Nestmulde und folgen ihren Eltern.
Ihr geflecktes Dunenkleid ähnelt farblich dem Untergrund aus Sand und kleinen Steinen. Bei Gefahr drücken sich die Küken flach auf den Boden und sind dann nur schwer zu entdecken.
Die Eltern bewachen und führen die Jungen, die ihre Nahrung jedoch von Anfang an weitgehend selbst aufnehmen.
Bei Gefahr können Altvögel ein auffälliges Ablenkungsverhalten zeigen. Dabei täuschen sie beispielsweise eine Verletzung vor und versuchen so, einen möglichen Feind von Eiern oder Jungvögeln wegzulocken.
Nach ungefähr drei bis vier Wochen können die jungen Flussregenpfeifer fliegen.
Normalerweise wird eine Jahresbrut großgezogen. Geht ein Gelege verloren, kommt es häufig zu einem Ersatzgelege; unter günstigen Bedingungen sind auch weitere Brutversuche möglich.
Aussehen
Der Flussregenpfeifer erreicht eine Körperlänge von ungefähr 14 bis 18 Zentimetern. Er ist damit kleiner und zierlicher als der ähnliche Sandregenpfeifer.
Die Oberseite ist überwiegend sand- bis graubraun gefärbt, während Brust, Bauch und die übrige Unterseite weiß sind.
Der Schnabel ist kurz, schlank und dunkel. Die Beine sind relativ lang und erscheinen fleischfarben, gelblich oder graubraun.
Das auffälligste Merkmal erwachsener Flussregenpfeifer ist der leuchtend gelbe Augenring.
Pracht- oder Brutkleid
Im Prachtkleid besitzt der Flussregenpfeifer eine kontrastreiche schwarz-weiße Kopfzeichnung.
Über der weißen Stirn befindet sich ein schwarzes Stirnband. Ein dunkler Streifen verläuft durch die Augenregion. Kehle und Teile des Gesichts sind dagegen weiß.
Besonders auffällig ist das breite schwarze Brustband, das sich deutlich von der weißen Unterseite absetzt.
Der leuchtend gelbe Ring rund um das dunkle Auge ist im Prachtkleid besonders gut sichtbar und gehört zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen der Art.
Die Oberseite bleibt unauffällig sand- bis graubraun.
Männchen und Weibchen ähneln sich stark. Beim Weibchen können die schwarzen Bereiche des Kopfes und Brustbandes etwas bräunlicher und weniger kräftig ausgebildet sein.
Schlichtkleid
Nach der Brutzeit verliert das Gefieder einen Teil seiner starken Kontraste.
Die im Sommer tiefschwarzen Bereiche des Kopfes und das Brustband werden zunehmend braun bis graubraun. Auch die Kopfzeichnung erscheint weniger scharf abgegrenzt.
Die Oberseite bleibt sandbraun und die Unterseite weiß.
Der gelbe Augenring ist weiterhin vorhanden und kann deshalb auch außerhalb der Brutzeit ein wertvolles Bestimmungsmerkmal sein.
Insgesamt wirkt ein Flussregenpfeifer im Schlichtkleid wesentlich unauffälliger als während der Brutzeit.
Jugendkleid
Junge Flussregenpfeifer besitzen noch keine kräftige schwarze Kopf- und Brustzeichnung.
Die Oberseite ist braun und zeigt an zahlreichen Federn helle beige Säume. Dadurch entsteht ein fein geschupptes oder gemustertes Erscheinungsbild.
Das Brustband ist braun und weniger deutlich ausgeprägt als bei erwachsenen Vögeln. Auch die Kopfzeichnung erscheint weicher und weniger kontrastreich.
Die Unterseite ist überwiegend weiß.
Der charakteristische gelbliche Augenring kann bereits erkennbar sein, fällt bei Jungvögeln jedoch meist weniger stark auf als bei ausgewachsenen Tieren.
Nahrung
Flussregenpfeifer ernähren sich vor allem von kleinen wirbellosen Tieren.
Zu ihrer Nahrung gehören Insekten und deren Larven, Spinnen, kleine Würmer, Schnecken und Krebstiere.
Bei der Nahrungssuche zeigt die Art ein typisches Verhalten: Der Vogel läuft schnell über den Boden, stoppt plötzlich und beobachtet die Umgebung. Entdeckt er ein Beutetier, wird es mit einem kurzen Schnabelstoß aufgenommen.
Dieses ständige Wechselspiel aus schnellem Laufen und abruptem Stillstehen ist für Regenpfeifer besonders charakteristisch.
Ein Spezialist für junge Landschaften
Der Flussregenpfeifer ist auf Landschaften angewiesen, die sich ständig verändern. Hochwasser schuf früher regelmäßig neue Kies- und Sandbänke an natürlichen Flüssen. Heute entstehen vergleichbare Flächen häufig erst durch Kiesabbau, Erdarbeiten, Renaturierungen oder andere menschliche Eingriffe.
Dadurch befindet sich die Art in einer ungewöhnlichen Situation: Manche vom Menschen geschaffenen Flächen bieten zunächst ausgezeichnete Brutbedingungen, verlieren ihre Eignung aber bereits wenige Jahre später wieder, sobald sie bewachsen oder anderweitig genutzt werden.
Für den Flussregenpfeifer sind deshalb offene Kies- und Sandflächen, flache Gewässerbereiche und möglichst störungsarme Brutplätze von besonderer Bedeutung.
Gerade während der Brutzeit können unauffällige Gelege und kleine Jungvögel leicht übersehen werden. Der Schutz geeigneter Brutflächen vor Betreten und Befahren trägt deshalb wesentlich dazu bei, dass die Art ihre Jungen erfolgreich aufziehen kann.
