Odinshühnchen (Phalaropus lobatus)
Das Odinshühnchen ist ein kleiner Wassertreter mit einer Lebensweise, die sich deutlich von den meisten anderen Limikolen unterscheidet. Außerhalb der Brutzeit verbringt es einen großen Teil seines Lebens auf dem offenen Meer. Auf dem Zug kann es jedoch auch an Seen, Küstenlagunen und flachen Feuchtgebieten in Norddeutschland erscheinen. Besonders auffällig ist die Umkehr der Geschlechterrollen: Das Weibchen ist farbiger, wirbt um das Männchen und überlässt ihm einen großen Teil der Brutpflege.
Vorkommen in Norddeutschland
Das Odinshühnchen brütet in arktischen und subarktischen Regionen rund um die Nordhalbkugel, unter anderem auf Island, in Skandinavien, Russland, Grönland und Nordamerika. Deutschland besitzt keinen regelmäßigen Brutbestand.
In Norddeutschland tritt die Art vor allem als seltener Durchzügler auf. Beobachtungen gelingen an Nord- und Ostseeküste, auf küstennahen Gewässern, in Lagunen und gelegentlich an größeren Binnengewässern. Da viele Individuen über See ziehen, wird nur ein Teil des tatsächlichen Zuggeschehens von Land aus bemerkt.
Der Wegzug kann bereits im Sommer einsetzen und reicht bis in den Herbst. Im Frühjahr treten Odinshühnchen deutlich unauffälliger auf.
Geschätzter Bestand
Für Deutschland gibt es keinen stabilen Brutbestand und wegen der pelagischen Lebensweise auch keinen einfach zu bestimmenden regelmäßigen Rastbestand. In den meisten norddeutschen Gebieten werden nur einzelne Vögel oder kleine Gruppen beobachtet.
Die Art ist deshalb zahlenmäßig deutlich seltener als typische Wattenmeerarten wie Knutt oder Pfuhlschnepfe. Die weltweite Population umfasst dagegen mehrere Millionen Individuen. Deutsche Beobachtungszahlen bilden nur einen sehr kleinen Ausschnitt des gesamten Zuggeschehens ab.
Brutverhalten
Beim Odinshühnchen ist das Weibchen größer und farbiger als das Männchen. Es besetzt ein Revier, balzt aktiv und kann sich mit mehreren Männchen verpaaren. Nach der Eiablage übernimmt das Männchen den größten Teil der Brutpflege.
Das Nest liegt am Boden in der Nähe flacher Tundragewässer. Meist werden vier Eier gelegt. Die Brut dauert ungefähr 18 bis 21 Tage.
Aufzucht der Jungen
Die Küken verlassen das Nest kurz nach dem Schlupf. Das Männchen führt und wärmt sie und reagiert auf Gefahren mit Warnrufen und Ablenkungsverhalten.
Die Jungvögel suchen ihre Nahrung früh selbst und werden nach ungefähr drei Wochen zunehmend selbstständig.
Aussehen
Das Odinshühnchen ist mit etwa 17 bis 19 Zentimetern ein kleiner, zierlicher Watvogel. Der Schnabel ist fein und gerade. Die Zehen besitzen seitliche Hautsäume, mit denen die Vögel hervorragend schwimmen können.
Der Körper wirkt im Wasser leicht und fast möwenartig. Häufig schwimmt die Art aufrecht und wendig auf freien Wasserflächen.
Pracht- und Brutkleid
Das Weibchen besitzt im Brutkleid einen dunkelgrauen Kopf, eine weiße Kehle und einen auffälligen rostrot bis kastanienbraun gefärbten Halsbereich. Der Rücken ist dunkel und trägt helle beziehungsweise rostfarbene Längslinien.
Männchen sind blasser gefärbt. Die rostrote Halszeichnung ist weniger kräftig und die Oberseite wirkt insgesamt matter.
Schlichtkleid
Im Schlichtkleid sind Odinshühnchen überwiegend hellgrau und weiß. Der Kopf zeigt eine dunkle Augen- und Ohrregion, die Oberseite ist grau, die Unterseite weiß. Dadurch verändert sich das Erscheinungsbild gegenüber dem Brutkleid erheblich.
Jugendkleid
Jungvögel besitzen eine dunkle, braunschwarze Oberseite mit kräftigen gelblich-beigen Längsstreifen. Kopf und Brust können warm beige überhaucht sein. Dieses kontrastreiche Jugendkleid unterscheidet sich deutlich vom grauweißen Winterkleid der Altvögel.
Nahrung und Nahrungssuche
Odinshühnchen ernähren sich von kleinen Wasserinsekten, Insektenlarven, Krebstieren, Plankton und anderen winzigen Organismen. Ihre Nahrung wird häufig direkt von der Wasseroberfläche aufgenommen.
Typisch ist das schnelle Drehen im Kreis auf dem Wasser. Durch diese Bewegung werden kleine Beutetiere aus tieferen Wasserschichten nach oben befördert und können anschließend aufgepickt werden.
Verhalten
Im Gegensatz zu vielen anderen Limikolen schwimmt das Odinshühnchen sehr häufig. Auf dem offenen Meer kann es außerhalb der Brutzeit weit entfernt von der Küste leben und sich von planktonischen Organismen ernähren.
Auf dem Zug wirken einzelne Vögel häufig rastlos und wechseln zwischen Schwimmen, kurzem Auffliegen und der Nahrungssuche an der Oberfläche.
Bedeutung Norddeutschlands
Norddeutschland liegt am Rand wichtiger Zugwege zwischen den arktischen Brutgebieten und marinen Überwinterungsgebieten. Küstengewässer, Lagunen und größere Seen können kurzfristige Rastmöglichkeiten bieten.
Weil ein großer Teil der Art auf dem offenen Meer zieht, ist ihre tatsächliche Nutzung deutscher Gewässer schwerer zu erfassen als bei vielen anderen Watvögeln. Jede regelmäßige Rastfläche hat deshalb einen besonderen dokumentarischen und naturschutzfachlichen Wert.
