Grünschenkel (Tringa nebularia)
Der Grünschenkel gehört zu den auffälligeren Wasserläufern Norddeutschlands. Mit seinen langen graugrünen bis olivgrünen Beinen, dem kräftigen, leicht aufwärts gebogenen Schnabel und der hellen Grundfärbung wirkt er schlank und hochbeinig. In Norddeutschland ist er vor allem während des Vogelzuges zu beobachten. Besonders an der Nord- und Ostseeküste, im Wattenmeer sowie in geeigneten Feuchtgebieten des Binnenlandes kann er im Frühjahr und vom Hochsommer bis in den Herbst regelmäßig auftreten.
Vorkommen in Norddeutschland
Der Grünschenkel ist in Deutschland kein regelmäßiger Brutvogel. Seine eigentlichen Brutgebiete liegen weiter nördlich und nordöstlich und reichen von Schottland über Skandinavien bis weit nach Russland und Sibirien.
Norddeutschland besitzt dagegen eine große Bedeutung als Rast- und Durchzugsgebiet. Beim Heimzug erscheinen die ersten Vögel meist im April. Der Frühjahrszug erreicht seinen Schwerpunkt im April und Mai. Deutlich auffälliger ist vielerorts der Wegzug, der bereits im Juli einsetzt und sich bis in den September oder Oktober hineinziehen kann.
Besonders regelmäßig werden Grünschenkel im Wattenmeer, an der Unterelbe, in Salzwiesen, an flachen Küstengewässern sowie in binnendeichs gelegenen Feuchtgebieten beobachtet. Im Binnenland nutzen sie unter anderem Überschwemmungsflächen, Klärteiche, Fischteiche, Rieselfelder, flache Seen, abgelassene Teiche und vernässte Grünlandflächen.
Einzelne Grünschenkel können in milden Wintern in Norddeutschland verbleiben. Die große Mehrheit zieht jedoch weiter in südlichere Überwinterungsgebiete, die von Westeuropa und dem Mittelmeerraum bis nach Afrika südlich der Sahara reichen.
Geschätzter Bestand
Beim Grünschenkel ist es sinnvoll, zwischen dem Brutbestand und dem Rastbestand zu unterscheiden. Ein nennenswerter regelmäßiger Brutbestand existiert in Deutschland nicht. Für Norddeutschland sind deshalb vor allem die Zahlen der durchziehenden und rastenden Vögel von Bedeutung.
Für Deutschland wird als Größenordnung des Rastbestandes etwa 12.000 Individuen angesetzt. Für Niedersachsen wird in den aktuellen Bewertungsgrundlagen eine Größenordnung von ungefähr 6.000 Individuen verwendet. Auch für Schleswig-Holstein wird ein Rastbestand von etwa 6.000 Individuen angegeben.
Diese Zahlen sind keine gleichzeitig gezählten Gesamtbestände und dürfen deshalb nicht einfach addiert werden. Sie dienen unter anderem der Bewertung bedeutender Rastgebiete und beruhen auf unterschiedlichen Zählzeiträumen und Bewertungsverfahren.
Innerhalb Norddeutschlands können die tatsächlichen Zahlen während des Zuges stark schwanken. An besonders geeigneten Rastplätzen können sich zeitweise größere Gruppen sammeln, während die Art an vielen anderen Orten nur einzeln oder in kleinen Trupps auftritt.
Brutverhalten
Der Grünschenkel brütet überwiegend in der borealen Zone Nordeuropas und Nordasiens. Typische Brutlandschaften sind offene Moore, feuchte Heiden, lichte Wald- und Moorlandschaften sowie tundrenartige Gebiete mit flachen Seen, Tümpeln oder langsam fließenden Gewässern.
Das Nest liegt am Boden und besteht aus einer flachen Mulde, die nur sparsam mit Pflanzenmaterial ausgekleidet wird. Häufig befindet es sich etwas erhöht und nicht unmittelbar am Gewässer.
Ein vollständiges Gelege umfasst gewöhnlich drei bis vier Eier. Die Eier sind gut getarnt und besitzen auf heller bis olivfarbener Grundfarbe dunkle Flecken und Sprenkel.
Die Brutdauer beträgt ungefähr 24 bis 26 Tage. An der Bebrütung können beide Altvögel beteiligt sein, wobei das Weibchen einen großen Anteil übernimmt.
Aufzucht der Jungen
Die Küken sind Nestflüchter. Schon kurz nach dem Schlupf verlassen sie die Nestmulde und bewegen sich selbstständig durch die Umgebung.
Die Eltern führen und bewachen die Jungen, während diese ihre Nahrung weitgehend selbst suchen. Bei Gefahr warnen die Altvögel mit lauten Rufen und versuchen, mögliche Feinde vom Nachwuchs abzulenken.
Nach ungefähr vier Wochen sind die Jungvögel flugfähig. Anschließend können sie mit zunehmender Selbstständigkeit die Brutgebiete verlassen und sich auf den Zug in die südlicheren Rast- und Überwinterungsgebiete begeben.
Aussehen
Der Grünschenkel erreicht eine Körperlänge von ungefähr 30 bis 35 Zentimetern und gehört damit zu den größeren Wasserläufern. Erwachsene Vögel wiegen häufig etwa 150 bis 240 Gramm.
Besonders charakteristisch sind die langen, graugrünen bis olivgrünen Beine. Der Schnabel ist lang, kräftig und an der Spitze leicht nach oben gebogen. Seine Basis kann grau- bis grünlich wirken, während die Spitze deutlich dunkler ist.
Die Unterseite ist überwiegend weiß. Oberseite, Kopf, Hals und Brust tragen je nach Jahreszeit unterschiedlich starke graue, braune und schwärzliche Zeichnungen.
Im Flug fällt der ausgedehnte weiße Bürzel auf, dessen helle Zeichnung keilförmig weit auf den Rücken hinaufreicht. Im Gegensatz zum Rotschenkel besitzt der Grünschenkel keine auffällige weiße Flügelbinde.
Männchen und Weibchen unterscheiden sich im Gefieder kaum voneinander.
Pracht- und Brutkleid
Im Brutkleid ist die Oberseite vergleichsweise kräftig gezeichnet. Auf dem Rücken und den Schulterfedern finden sich dunkle Flecken, Strichel und pfeilförmige Zeichnungen auf graubraunem Grund.
Kopf, Hals und Brust zeigen zahlreiche dunkle Längsstrichel und Flecken. Auch die Flanken können deutlich gezeichnet sein, während die Bauchmitte weiß bleibt.
Der Kontrast zwischen der dunkleren, stark gemusterten Oberseite und der hellen Unterseite ist während der Brutzeit besonders ausgeprägt. Die grünlichen Beine und der leicht aufwärts gebogene Schnabel bleiben wichtige Erkennungsmerkmale.
Schlichtkleid
Nach der Brutzeit wirkt der Grünschenkel insgesamt heller und ruhiger gezeichnet. Die Oberseite nimmt stärker graue Farbtöne an, während die dunklen Zeichnungen weniger kräftig hervortreten.
Hals und Brust sind deutlich schwächer gestrichelt als im Brutkleid. Die Unterseite erscheint dadurch großflächiger weiß.
Die Beine können im Winter matter grau- bis olivgrün wirken. Auch im Schlichtkleid bleiben der kräftige, leicht aufwärts gebogene Schnabel, die langen Beine und der weiße Bürzel sehr gute Bestimmungsmerkmale.
Jugendkleid
Junge Grünschenkel ähneln den erwachsenen Vögeln im Schlichtkleid, wirken auf der Oberseite jedoch häufig wärmer braun und besonders gleichmäßig gemustert.
Viele Rücken- und Flügelfedern besitzen helle beige bis gelblich-braune Säume. Dadurch entsteht eine feine, schuppenartige Zeichnung.
Brust und Hals können fein gestrichelt sein, während die Bauchpartie weiß bleibt. Die Beine erscheinen bei Jungvögeln häufig etwas stumpfer grau- oder olivgrün als bei manchen Altvögeln.
Nahrung und Nahrungssuche
Grünschenkel suchen ihre Nahrung überwiegend im Flachwasser und auf weichen Schlammflächen. Dabei sind sie häufig wesentlich aktiver als viele andere Watvögel.
Sie stochern mit dem Schnabel im Untergrund, picken Beutetiere von der Oberfläche auf oder verfolgen kleine Tiere mit schnellen Schritten durch seichtes Wasser. Gelegentlich schwimmen sie auch kurze Strecken.
Zur Nahrung gehören Insekten und deren Larven, Würmer, kleine Krebstiere, Schnecken und andere wirbellose Tiere. Darüber hinaus erbeuten Grünschenkel vergleichsweise häufig kleine Fische und Kaulquappen.
Verhalten
Der Grünschenkel ist ein beweglicher und aufmerksamer Watvogel. Bei der Nahrungssuche läuft er häufig rasch durch flaches Wasser und wechselt immer wieder die Richtung.
Außerhalb der Brutzeit kann er einzeln, paarweise oder in kleineren Gruppen auftreten. An besonders günstigen Rastplätzen sammeln sich während des Zuges auch größere Trupps.
Sehr charakteristisch ist sein lauter, klarer Ruf, der häufig aus einer Folge von zwei bis drei kräftigen Silben besteht. Dieser Ruf ist oft schon zu hören, bevor der Vogel selbst entdeckt wird.
Im Flug wirkt der Grünschenkel schnell und kraftvoll. Die langen Beine ragen deutlich über das Schwanzende hinaus.
Bedeutung Norddeutschlands
Norddeutschland liegt auf einer wichtigen Zugroute zwischen den nordeuropäischen und nordasiatischen Brutgebieten und den weiter südlich gelegenen Überwinterungsgebieten.
Vor allem das Wattenmeer, die Unterelbe und andere großflächige Küsten- und Feuchtgebiete stellen wichtige Rast- und Nahrungsräume dar. Auch kleinere Feuchtgebiete im Binnenland können während des Frühjahrs- und Herbstzuges eine große Bedeutung besitzen.
Entscheidend sind flache, nahrungsreiche Gewässer und störungsarme Schlamm- und Uferflächen. Wenn solche Bereiche durch Entwässerung, Verlandung, intensive Nutzung oder häufige Störungen verloren gehen, fehlen den ziehenden Vögeln wichtige Möglichkeiten zum Rasten und zur Nahrungsaufnahme.
Der Grünschenkel zeigt damit beispielhaft, wie wichtig ein Netzwerk geeigneter Feuchtgebiete entlang der gesamten Zugroute ist. Auch wenn die Art in Norddeutschland kaum brütet, ist die Region für viele Tausend durchziehende Grünschenkel ein bedeutender Teil ihres jährlichen Lebenszyklus.
