Rotschenkel (Tringa totanus)
Der Rotschenkel ist ein typischer Watvogel der norddeutschen Küsten- und Feuchtwiesenlandschaften. Seine leuchtend roten bis orangefarbenen Beine und die rote Schnabelbasis machen ihn gut kenntlich. Besonders an der Nordseeküste gehört sein klarer, flötender Ruf zu den charakteristischen Geräuschen von Salzwiesen und Vorländern.
Vorkommen in Norddeutschland
Der Rotschenkel brütet in Deutschland vor allem im Norden. Rund drei Viertel des deutschen Brutbestandes konzentrieren sich im Küstenraum des Wattenmeeres. Bedeutende Vorkommen liegen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, unter anderem in Nordfriesland, Dithmarschen, Eiderstedt, Ostfriesland, an Jadebusen, Dollart und Elbmündung.
Auch an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns sowie in ausgewählten binnenländischen Feuchtgebieten bestehen Brutvorkommen. Benötigt werden offene Landschaften mit feuchten bis nassen Bereichen, kurzer bis mittelhoher Vegetation und gut erreichbaren Nahrungsflächen.
Außerhalb der Brutzeit kommen zusätzliche Vögel aus nördlicheren Regionen hinzu. Ein Teil der heimischen Tiere überwintert an der Küste, andere ziehen nach West- und Südeuropa oder weiter nach Afrika.
Geschätzter Bestand
Der deutsche Brutbestand liegt in einer Größenordnung von mehreren tausend Brutpaaren; frühere bundesweite Schätzungen lagen um etwa 8.500 Paare. Der überwiegende Teil davon befindet sich in Norddeutschland und besonders im Küstenbereich.
Während der Zugzeit und im Winter können die anwesenden Zahlen deutlich höher liegen, weil Rotschenkel aus anderen Brutgebieten hinzukommen. Das Wattenmeer beherbergt zusätzlich große Rastbestände verschiedener Populationen.
Trotz regional guter Bestände gilt der Rotschenkel in Deutschland als stark gefährdet, da viele binnenländische Feuchtwiesenbestände zurückgegangen sind.
Brutverhalten
Rotschenkel besetzen ihre Reviere im Frühjahr. Während der Balz fliegen die Männchen über dem Brutgebiet und tragen auffällige Rufreihen vor. Das Nest liegt am Boden und wird häufig zwischen Grasbüscheln gut verborgen.
Das Gelege besteht meist aus vier Eiern. Beide Eltern brüten und verteidigen das Revier. Die Brutdauer beträgt ungefähr 23 bis 25 Tage.
Aufzucht der Jungen
Die Küken sind Nestflüchter und verlassen das Nest kurz nach dem Schlupf. Sie suchen selbstständig kleine Wirbellose, werden aber intensiv von beiden Eltern bewacht.
Bei Gefahr steigen die Altvögel auf und warnen mit lauten, eindringlichen Rufen. Gegen Greifvögel, Möwen oder Krähen können sie energische Scheinangriffe fliegen. Nach ungefähr vier Wochen werden die Jungen flugfähig.
Aussehen
Der Rotschenkel erreicht ungefähr 24 bis 27 Zentimeter Körperlänge. Die Beine sind orange bis leuchtend rot. Der Schnabel ist gerade, an der Basis rot und an der Spitze dunkel.
Die Oberseite ist graubraun und dunkel gemustert. Brust und Flanken zeigen zahlreiche dunkle Strichel und Flecken, der Bauch ist heller.
Im Flug werden zwei besonders wichtige Merkmale sichtbar: ein weißer Rückenkeil und ein breiter weißer Flügelhinterrand.
Pracht- und Brutkleid
Im Brutkleid ist die Zeichnung von Kopf, Hals, Brust und Flanken besonders kräftig. Dunkle Flecken und Strichel heben sich deutlich von der helleren Grundfarbe ab. Beine und Schnabelbasis wirken intensiv rot.
Männchen und Weibchen unterscheiden sich im Feld nur wenig voneinander.
Schlichtkleid
Im Herbst und Winter wird das Gefieder insgesamt matter und grauer. Die Unterseite zeigt weniger Flecken, und die Oberseite wirkt gleichmäßiger graubraun. Rote Beine und rote Schnabelbasis bleiben jedoch gut sichtbar.
Jugendkleid
Junge Rotschenkel besitzen helle beige Randflecken an den Oberseitenfedern. Hals und Brust sind deutlich gestrichelt. Die Beine können anfangs eher gelborange als tiefrot wirken.
Nahrung und Nahrungssuche
Rotschenkel ernähren sich von Insekten, Larven, Würmern, kleinen Krebstieren, Schnecken und Muscheln. Im Watt werden besonders kleine Wirbellose aus Schlamm und flachem Wasser aufgenommen.
Die Nahrungssuche erfolgt laufend und pickend oder durch flaches Stochern mit dem Schnabel. Rotschenkel sind dabei häufig aktiver und beweglicher als größere Schnepfenvögel.
Verhalten
Der Rotschenkel ist sehr ruffreudig. Besonders während der Brutzeit reagieren Altvögel empfindlich auf Eindringlinge und verraten ihre Anwesenheit oft lange bevor sie gesehen werden.
Außerhalb der Brutzeit bilden sich größere Rastgemeinschaften. Bei Hochwasser können Rotschenkel gemeinsam mit anderen Limikolen auf Salzwiesen und Vorländern stehen.
Bedeutung Norddeutschlands
Norddeutschland trägt den größten Teil der Verantwortung für den deutschen Brutbestand. Salzwiesen, Marschgrünland und Feuchtwiesen mit hohem Wasserstand sind entscheidende Lebensräume.
Entwässerung, intensive Grünlandbewirtschaftung und der Verlust flacher Wasserstellen beeinträchtigen vor allem Binnenlandbestände. Wiedervernässung, eine angepasste Beweidung und Mahd sowie störungsarme Brutbereiche können den Rotschenkel wirksam fördern.
