Kampfläufer (Calidris pugnax)
Der Kampfläufer gehört zu den ungewöhnlichsten Watvögeln Europas. Besonders die Männchen sind während der Balzzeit kaum mit einer anderen Art zu verwechseln: Sie entwickeln einen auffälligen Federkragen und verlängerte Kopffedern, deren Färbung von Weiß über Gelb, Rot und Braun bis fast Schwarz reichen kann. Außerhalb der Brutzeit wirkt die Art dagegen wesentlich unscheinbarer. In Norddeutschland ist der Kampfläufer heute vor allem ein Durchzügler; als Brutvogel ist er nur noch äußerst selten.
Vorkommen in Norddeutschland
Der Kampfläufer nutzt offene, feuchte Landschaften. Während des Zuges findet man ihn auf überfluteten Wiesen, in Kögen, an flachen Teichen, in Marschgebieten, auf Schlammflächen und an den Rändern von Flachgewässern. Besonders Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern liegen auf wichtigen Zugwegen zwischen den nord- und nordosteuropäischen Brutgebieten und den Überwinterungsgebieten.
Früher brütete die Art regelmäßig in norddeutschen Feuchtwiesen und Niederungen. Durch Entwässerung, Nutzungsintensivierung und den Verlust geeigneter Balz- und Brutflächen ist der Bestand jedoch fast vollständig zusammengebrochen. Heute kommt es nur noch zu einzelnen Brutversuchen oder Brutverdachtsfällen, vor allem in besonders geeigneten Schutzgebieten an der Küste.
Der Frühjahrszug fällt vor allem in die Monate April und Mai. Der Wegzug beginnt bereits im Juli und kann bis September andauern. Weibchen und Jungvögel ziehen dabei häufig später als die Männchen.
Geschätzter Bestand
Als Brutvogel steht der Kampfläufer in Deutschland unmittelbar am Rand des Verschwindens. An der niedersächsischen Nordseeküste wurden in den letzten Jahrzehnten nur noch einzelne Paare beziehungsweise brutverdächtige Weibchen festgestellt; auch in Schleswig-Holstein existieren lediglich sehr kleine Restvorkommen.
Ganz anders stellt sich die Situation während des Vogelzuges dar. Dann ziehen deutlich größere Zahlen durch Norddeutschland. Für Deutschland wurden als Größenordnung des Gastvogelbestandes mehrere tausend bis einige zehntausend Individuen angegeben. Die Zahlen schwanken jedoch stark von Jahr zu Jahr und verteilen sich auf zahlreiche Rastplätze. Die langfristige Entwicklung vieler Rastbestände ist rückläufig.
Brutverhalten
Das Balzsystem des Kampfläufers ist außergewöhnlich. Die Männchen versammeln sich auf traditionellen Balzplätzen, sogenannten Arenen oder Leks. Dort präsentieren sie ihre auffälligen Federkragen, springen gegeneinander an, ducken sich, spreizen das Gefieder und versuchen, Weibchen auf sich aufmerksam zu machen.
Zwischen den Männchen existieren verschiedene Erscheinungs- und Verhaltensformen. Neben territorial auftretenden Männchen mit häufig dunkleren Halskragen kommen sogenannte Satellitenmännchen vor, deren Kragen oft heller ist. Eine seltene dritte Form ähnelt äußerlich stärker einem Weibchen. Diese Vielfalt ist innerhalb der europäischen Vogelwelt nahezu einzigartig.
Nach der Paarung beteiligt sich das Männchen nicht an Brut oder Jungenaufzucht. Das Weibchen legt das Nest als flache, gut getarnte Mulde in niedriger Vegetation an. Das Gelege besteht gewöhnlich aus vier Eiern. Die Brutdauer liegt ungefähr bei 20 bis 23 Tagen.
Aufzucht der Jungen
Die Küken sind Nestflüchter. Schon kurz nach dem Schlupf verlassen sie das Nest und suchen in der Umgebung selbstständig nach kleinen Wirbellosen. Das Weibchen bewacht, wärmt und führt die Jungen allein.
Die Jungvögel wachsen schnell und werden nach etwa vier Wochen flugfähig. In geeigneten, nahrungsreichen Feuchtgebieten können sie sich schon früh relativ weit vom ursprünglichen Nestbereich entfernen.
Aussehen
Kampfläufer sind mittelgroße Watvögel mit relativ kleinem Kopf, mittellangem Schnabel und langen Beinen. Männchen sind deutlich größer als Weibchen. Männchen erreichen ungefähr 29 bis 32 Zentimeter Körperlänge, Weibchen meist etwa 22 bis 26 Zentimeter.
Außerhalb der Balzzeit ist die Oberseite braun, grau und schwarz gemustert. Die Unterseite erscheint überwiegend hell. Die Beine können gelblich, orange, grünlich oder grau wirken. Der Schnabel ist meist dunkel und kann an der Basis etwas heller sein.
Pracht- und Brutkleid
Das Prachtkleid der Männchen ist extrem variabel. Auffällig sind der große Federkragen und verlängerte Federn an Kopf und Nacken. Kein anderes europäisches Limikolenmännchen zeigt eine vergleichbare Vielfalt individueller Farbkombinationen.
Die Weibchen bleiben auch in der Brutzeit wesentlich unauffälliger. Ihre braun gemusterte Oberseite dient der Tarnung beim Brüten am Boden.
Schlichtkleid
Nach der Brutzeit verlieren die Männchen Kragen und Schmuckfedern. Dann ähneln sich die Geschlechter stärker. Das Gefieder wirkt graubraun bis beigebraun und fein geschuppt beziehungsweise gefleckt. Die Unterseite bleibt deutlich heller.
Im Schlichtkleid kann der Kampfläufer mit anderen mittelgroßen Watvögeln verwechselt werden. Hilfreich sind die relativ langen Beine, der kleine Kopf, die leicht aufrechte Haltung und beim Auffliegen der charakteristische helle Bürzelbereich.
Jugendkleid
Jungvögel wirken häufig besonders warm gelblich-braun. Die Federn der Oberseite besitzen helle Säume, wodurch ein gleichmäßiges, schuppenartiges Muster entsteht. Brust und Hals können leicht beige oder rostfarben überhaucht sein.
Nahrung und Nahrungssuche
Zur Nahrung gehören Insekten, Insektenlarven, kleine Krebstiere, Würmer, Schnecken und andere Wirbellose. Außerhalb der Brutzeit werden gelegentlich auch Samen und andere pflanzliche Bestandteile aufgenommen.
Bei der Nahrungssuche laufen Kampfläufer häufig zügig über Schlammflächen oder durch sehr flaches Wasser. Sie picken Beute von der Oberfläche, stochern kurz im weichen Boden oder durchsuchen feuchte Vegetation.
Verhalten
Außerhalb der Brutzeit ist der Kampfläufer gesellig und kann sich in größeren Trupps sammeln. Häufig rastet er gemeinsam mit anderen Limikolen. Im Flug wirken die Vögel kompakt und schnell, größere Trupps vollführen oft eng koordinierte Richtungswechsel.
Bedeutung Norddeutschlands
Norddeutschland besitzt für den Kampfläufer vor allem als Rast- und Nahrungsraum eine große Bedeutung. Flach überstaute Wiesen, extensiv genutztes Feuchtgrünland und störungsarme Schlammflächen bieten den Vögeln auf ihren langen Zugwegen wichtige Möglichkeiten zur Energieaufnahme.
Der dramatische Rückgang als Brutvogel zeigt zugleich, wie empfindlich die Art auf Veränderungen des Wasserhaushalts und eine intensive Grünlandnutzung reagiert. Wiedervernässung, niedrige Nutzungsintensität und großflächige störungsarme Feuchtgebiete sind deshalb sowohl für rastende als auch für mögliche zukünftige Brutvorkommen entscheidend.
